vorgestellt: vier nachwuchsautoren aus dem backstage-jugendclub

Bevor die Spielzeitpause sich dem Ende entgegen neigt, erwacht die reihesiebenmitte schonmal aus dem Dornröschenschlaf und wärmt kurz die letzte Saison auf: Ende Juni fand am Deutschen SchauSpielHaus das Jugendtheaterfestival BACKSTAGE statt, bei dem insgesamt sieben Gruppen ihre Theater- und Tanzproduktionen, aber auch selbstgeschriebene Texte präsentierten. In der Schreibwerkstatt unter der Leitung von Autor Carsten Brandau kamen 14 junge Menschen zusammen – vier von ihnen wollen uns hier an ihrer Arbeit teilhaben lassen. Themen? Hypochondrie, Mediengesellschaft, Kommunikation, Politik und Beziehung. Viel Spaß!

nachwuchs.texte – die Schreibwerkstatt am Deutschen SchauSpielHaus (c)Andreas Schlieter

Wer bist du? Ich bin Franziska Rose, 22 Jahre alt, fröhlich, gedankenverloren und permanent lachend. Momentan studiere ich Nanowissenschaften an der Universität Hamburg. Ob ich später tatsächlich in die Forschung gehe, ist noch nicht klar, da ich mich vorerst noch viel ausprobiere.

Warum schreibst du? Das hat verschiedene Gründe. Manchmal kommen mir Erkenntnisse, bei denen ich denke, dass sie auch anderen Menschen helfen könnten. Und manchmal bin ich über etwas wahnsinnig wütend und enttäuscht – oft ist es Intoleranz. Dann versuche ich, den Menschen mit meinen Texten eine andere Sicht auf die Dinge zu geben, die sie ablehnen. Im Moment finde ich es auch schön, das Publikum zum Lachen zu bringen, weil ich glaube, dass Lachen die beste Medizin gegen Stress, Traurigkeit und Verbohrtheit ist.

Warum bist du zu BACKSTAGE gegangen und wie waren deine Erfahrungen? Vor BACKSTAGE habe ich mich selten an einen Text gesetzt, ohne die akute Dringlichkeit zu verspüren, etwas sagen zu müssen. Die Frage war also: Was passiert mit mir und meinen Texten, wenn ich mir vornehme, zu schreiben, ohne vorher zu wissen, worüber? Was kann ich, was will ich, warum schreibe ich? Zudem war es spannend, die Texte der anderen Teilnehmer zu lesen und zu hören – alle total verschieden: wunderschön, verworren, lustig, verträumt, provokant, tiefgründig… man konnte unglaublich viele Einblicke in die unterschiedlichen Schreibstile bekommen und wir haben von Carsten viel darüber gelernt, was einen Theatertext von anderen Texten unterscheidet. Ich kann BACKSTAGE jedem empfehlen, der auf Gleichgesinnte treffen und mit Spaß seine künstlerischen (und persönlichen) Horizonte erweitern möchte. Die Leiter sind alle sehr engagiert und man kann viel über sich und andere lernen.

Worum geht es in deinem Text? Sagen wir es so: Ein Hypochonder hat es nicht leicht. Vor allem nicht in der heutigen Zeit, in der ein solcher auf jeder beliebigen Internetseite selbst Arzt spielen kann, und so dem Tode tagtäglich entgegenblicken muss. Ich habe mich dem Ganzen jedoch auf eine ironische Weise genähert – Lachen ist gesund!

… und hier kommt ein Auszug aus Franziskas Text „Die Entdeckung“:

(…)
Oh nein, da wächst sogar ein HAAR heraus?!
Um Himmels Willen, da habe ich doch mal was gelesen, wenn da- Haare waren da doch – scheiße ja -Krebs! Krebs! Um Gottes – Nein, nein, das ist ganz schlecht. Krebs und diesmal wirklich! Wie oft habe ich meiner Mutter gesagt, wenn sie nicht aufhört mit dem Rauchen, bekomme ich Krebs und hier haben wir’s – ZACK! Schwärzer als eine Jauchegrube fault es auf meiner Haut vor sich hin und frisst sich heimtückisch– vielleicht seit JAHREN – in mich hinein. Es nistet sicher schon in meinem ganzen Körper – ich VERWESE! Hilfe! Wer weiß, ob ich –
Ich sollte jetzt schnell jemanden anrufen, bevor ich das nicht mehr kann wegen meiner zerfallenen Organe…
(…)

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Wer bist du? Ich bin Tabea Zeltner, 21 Jahre alt. Gerade studiere ich Wirtschaftspsychologie, was auch verdammt spannend ist. Mein Idealweg wäre: Kurzfristig Ingenieurspsychologin, mittelfristig Bühnenautorin, danach irgendwas, was in coolen Fotos resultiert, wegen denen mich die linksalternative, adrenalinsüchtige Lebensgefährtin meiner Enkelin um mein scheinbar bewegtes Leben beneidet, dann Bundespräsidentin (ich halte die weltbesten Weihnachtsansprachen und Deutschland hat nichts weniger verdient), dann Abdanken wegen des Skandals um meine Affäre mit der linksalternativen, adrenalinsüchtigen (und natürlich viel zu jungen) Lebensgefährtin meiner Enkelin.
Oh, und irgendwann zwischendurch wäre ich auch gerne Dithmarscher Kohlregentin.

Warum schreibst du? Ehrlich gesagt stelle ich mir die Frage „Warum schreibst du nicht?“ in stündlichen Schreibblockaden viel öfter als die Frage nach dem „Warum schreibst du?“. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass mir einfach dankbarerweise noch nicht aufgefallen ist, dass ich gar nichts zu sagen habe.

Warum bist du zu BACKSTAGE gegangen und wie waren deine Erfahrungen? Austausch tut gut und Kritik ist unfassbar wichtig, wenn man an seinen Techniken ernsthaft
arbeiten möchte. Außerdem sind die Knutschis hier ganz wundervolle Menschen.

Worum geht es in deinem Text? Grundsätzlich habe ich zwei Themen – Zwischen den Figuren stellt sich die Frage, was stark unterschiedliche politische Standpunkte mit einer (Liebes)beziehung machen. Das wird überschattet vom Scheitern beider an der derzeitigen politischen Situation, die viel unterhaltsamer ist, als beiden lieb ist. Wenn man beides verbindet, ist die große Frage gewissermaßen: Welche Rolle sollte Politik in unserem Privatleben einnehmen?

… Tabeas Text:

PALL
Es fällt nicht auf, so im
RITA
Aber man braucht auch einmal den Mut, der stillen Mehrheit eine
Stimme
PALL
Alltag
RITA
zu geben
PALL
Das Problem ist auch, dass sie mich rein intellektuell, also
argumentativ in Grund und Boden
RITA
Ich habe mich letztens mit diesem Ökonomieprofessor, der hat das mal
durchgerechnet, und so wie die sagen, kommt das einfach nicht hin
PALL
Vieles von dem, was sie wütend macht, regt mich ja auch
RITA
Ich will da jetzt auch gar nicht diskutieren
PALL
Auf.
RITA
Aber wir können uns ja auch gemeinsam interessieren
PALL
Aber sie brennen zu sehen, das ist…
RITA
Da bist du ja!
PALL
Willst du die Sitzung mit mir ansehen? Sie entscheiden heute.
RITA
Worum geht es heute?
PALL
Was fragst du? Um uns. Geht es nicht immer um uns?
RITA
Wozu säßen sie denn sonst da?
PALL
Psst. Es geht los. Schau.

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Wer bist du? Mein Name ist Yannick Reimers, ich bin 25 Jahre alt und möchte mit Kultur und viel Herz etwas verändern. Ich möchte Licht ins Dunkel bringen.
Worum geht es in deinem Text? In „Wahre Liebe. Porno.“ geht es unter anderen um die Oberflächlichkeit, den Egoismus und Gefahren unserer Mediengesellschaft. Zu diesem Thema habe ich gerade eine Illustration gemacht und auch ein Gedicht dazu geschrieben.

Liebe geht durch den Magen. (c) Yannick Reimers

… Yannicks Gedicht zu „Wahre Liebe. Porno.“:

Liebevolle Menschen sind so rar.
Heutzutage ist sich kaum noch wer nah.
Körper und Sex, das Oberflächliche,
kurzzeitige und schnell bestechliche:
Für einen Tag hält man es zusammen aus, dann wirft man den Gegenüber aus dem Herzen raus.
Ehrliche Treue, Liebe und Mut,
das braucht die Seele das tut ihr gut.
Doch sind es nur Fremdwörter ohne Kraft und Bedeutung,
der Perfektionismus raubt den Wert geistige Ausbeutung.
Denn Geiz ist geil und Zeit ist Geld,
das Ego regiert die Welt.

Wir wollen keinen Menschen an unserer Seite,
mehr einen Bediensteten unsere Geduld ist pleite.
Fehler sind ein Tabu,
bei Schmerz und Trauer machen wir die Tür lieber zu.
Niemand soll unsere Schatten sehen.
Wir haben Angst sie würde keiner verstehen.
Man hat stark zu sein ganz ohne Makel
und unsere Seele stammelt, schreibt nur noch Gekrakel.
Ihr fehlt die Tiefe um sich auszudrücken.
Schafft es nicht sich unter kleinste Schwierigkeiten durch zu bücken.
Denn der Stolz ist steif und wenn es schwer wird läuft sie auf Krücken.
Macht es sich einfach und nimmt das Leben zu schwer.
Die einzigen Fragen lauten nur noch woher?
Woher bekomme ich das Meiste, Schönste, Teuerste und Beste?
Denn wir Leben in einer Gesellschaft ohne Reste.
Das Alte kommt weg, es wird nichts repariert.
Wir kennen nur neu, zwanghaft addiert.

Ich komme mit dem Abstand nicht klar.
Dem vereinsamten, scheinperfekten Singular.
Ich möchte einen Menschen nur.
Sehne mich sehr und bin zu stur.
Gibt es die wahre Liebe noch?
Oder bin ich ein naiver Koch:
Der versucht mit den schönsten Zutaten,
Zärtlichkeit und Interesse aufzuwarten.
Kocht heiß die Sehnsucht auf höchster Stufe.
Verbrennt sie bis zum eklig sein.
Ignoriert vom Kollegen die Hilferufe.
Und salzt das Herz bis es wird zum Stein.
Liebe geht durch den Magen.

… und „Wahre Liebe. Porno.“ als Videoaufzeichnung:

Yannicks Website: »www.yannickreimers.de

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Wer bist du? Ich bin Helena Sattler, 18 Jahre alt und habe gerade Abi gemacht. Ich will Schauspielerin werden, ziehe jetzt im Oktober nach Berlin, um dort auf eine Schauspielschule zu gehen. Ich will außerdem schreiben (am liebsten bei der NEON) und moderieren.
Warum schreibst du? Ich schreibe, um die Gedanken aus meinem Kopf zu bekommen und weil ich ein Mensch der Worte bin.
Warum bist du zu BACKSTAGE gegangen und wie waren deine Erfahrungen? Das Schauspielhaus und gerade BACKSTAGE sind grandios. Man taucht in die Theaterwelt und ihre Atmosphäre ein.
Worum geht es in deinem Text? Worte, Kommunikation und Beziehungen.

… Helenas Text:

Person 1: Ein Wort?
Person 2: Bloß eins?
Person 3: Das reicht.
Person 4: Reicht das?
Person 5: Besser als keins.
Person 6: Wirklich?

Person 1: Mein Wort?
Person 2: Bloß meins?
Person 3: Bin ich das?

Person 4: Hallo. – Ein Anfang. Das ist okay. Das ist nett.
Person 5: Liebe – Das ist schön. Das passt. Aber das Wort?
Person 6: Nein- Nützlich. Wirklich. Bin ich jetzt Pessimist?

Person 1: Und jetzt?
Person 2: Sag was.
Person 4: Hallo.
Person 6: Nein.
Person 5: Liebe.
Person 6: Nein.
Person 4: Hallo.

3 Paare sitzen nebeneinander

Paar 1: Es war Liebe auf den ersten Blick.
Paar 2: Klick.
Paar 3: Fick.
Paar 1: Ihr Blick sagte alles.
Paar 2: Er konnte so toll reden.
Paar 3: Schön ist doch, wenn man einfach miteinander schweigen kann.
Paar 2: Am Telefon?

Telefongespräch
Mia: Wie war dein Tag?
Nils: Gut.
Mia: Wie gut.
Nils: Na gut.
Mia: Erzähl doch was.
Nils: Ich weiß nicht was.
Mia: Ich kann nicht mehr.
— –
Caro: Meine Wörter klingen immer so fad. Die bringen mir nichts. Ich will ihm sagen, er ist
hübsch, ich glaube ich will den Rest meines Lebens mit ihm verbringen. Und was sage ich?
„Was sagt die Uhr?“ Und ich meine in dem Moment auch gar nicht: Was sagst du, weil du
bist meine Uhr und bevor es dich gab, stand die Zeit irgendwie still. Nein, ich kann in dem
Moment, in dem die Wörter meinen Mund verlassen an nichts anderes denken als an die
Uhrzeit. In mir drin ist alles aufgeräumt, der Mann meines Lebens steht vor mir und meine
Wörter klingen wie tick tick tick. Und dann sagt er, es ist 11:42 und ich merke, dass ich zu
spät bin. Und ich nicke, danke und renne weg. Und da war er, die Liebe meines Lebens und
es klang wie tick tick tick.
— –
Mia und Caro betreten die Bar; Lukas in der Bar, schaut zu Mia
Caro: Der guckt immer.
Mia: Ich weiß nicht. Der ist so. Das ist so einer.
Caro: Was willst du denn?
Mia: Resonanz. Ich will Resonanz. Immer rede ich und rede und rede und es kommt nichts
zurück. Und bei dem…
Caro: Ich glaube der will andere Schwingungen.
Mia: Ich denke ständig das Gleiche. Wir reden auch immer dasselbe.
Caro: Bin in dir zu langweilig? Zu mir guckt keiner.
Mia: Ich will auch gar nicht angeguckt werden. Da bohren sich die Blicke irgendwann durch
einen durch. Dann ist man da gar nicht mehr. Dann hat der andere sich das genommen, was
er sehen wollte.
Caro: Was willst du denn?
Mia: Dass er mal nicht guckt. Gucken ist so egoistisch. Ich will, dass er spricht. Weil dann ist
da das Ich und das Du. Ich frage mich, was siehst du in mir? Nicht was nimmst du von mir.
Und dann kann ich überlegen, was sage ich dir. Was gebe ich dir? Und das ist dann ein
Dialog.
Caro: Ich glaub der kommt rüber.
Lukas: Hey. Ich… ich guck schon die ganze Zeit rüber.
Mia: Ich weiß.
Lukas: Und?
Mia: Und jetzt?
Lukas: Ich geb dir einen Drink aus und dann…
Mia: Wir zu dir?
Lukas: Ha.. ha.. ja.
Mia: Den Drink nehm ich.
Lukas: Und dann? Ha… ja?
Mia: Wir könnten reden.
Lukas: Nu nur?
Mia: Vielleicht.
Lukas: Also ganz ehrlich, wir können gerne ein bisschen quatschen, aber dann würde ich
schon gerne…
Mia: Dann lass es bleiben.
Lukas: Dir muss doch klar sein, dass man nicht in eine Bar geht um…
Mia: …jemanden kennenzulernen?
Caro: Wenigstens ist er rübergekommen. Weißt du, neulich, da habe ich jemanden
getroffen… Ich konnte gar nichts sagen.
Mia: Ich glaub ich will gehen.
Caro: Ja, lass uns gehen. Nein, ich bleib noch.
Mia: Okay. Ich schreib dir.
Caro: Hey… ich will gar nicht reden, weißt du?
— –
Lukas: Reden. Alter, was ein Minenfeld! Da denkst du, du hast sie gleich soweit und dann…
dann verletzt du sie, weil du hast gesagt, ihr Lippenstift sieht komisch aus und ja nur, weil
der so komisch verwischt war. Vom Knutschen. Klar. Aber sie denkt, du sagst, sie sieht aus
wie ein Kind mit diesem Lippenstift, den du ja eigentlich heiß findest. Klar. Warst ja auch
betrunken. Und dann steht sie da schon und hat schon fast ihr Kleid aus und du denkst dir:
Geil, gleich nicht mehr reden, sondern… Klar. Und dann wars das. Ja, und dann sitzt du da
alleine in deiner Wohnung wie so ein Depp und redest mit dir selbst. Geil.

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Das letzte BACKSTAGE-Festival nochmal Revue passieren lassen? »Hier geht´s zum Archiv.

Kommende Spielzeit geht das Festival übrigens wieder in eine neue Runde. Infos und Bewerbung beim »Deutschen SchauSpielHaus.

Auch letztes Jahr haben wir schonmal in die Schreibwerkstatt reingeschaut und unter anderem mit Helena und Yannick über die Gruppe gesprochen: »subtext! nachwuchsautoren am schauspielhaus