vorgestellt: helge schmidt

Helge Schmidt wollte ursprünglich Lehrer werden. Dann hat er aber Theaterwissenschaft studiert, war Regieassistent am Thalia-Theater und arbeitet nun als freischaffender Regisseur. Im Thalia-Nachtasyl hat er Conor McPhersons Rum und Wodka inszeniert, am Lichthof-Theater Lena Bireschs Gentrifiction: Wir haben mit ihm über seine Arbeit zwischen Stadttheater und freier Szene gesprochen, über Lebensentwürfe, Hilflosigkeit, ideale Bühnenräume und wie man dem theatralen Realitätsverlust am Besten beikommt.


Sonntagnachmittag in Hamburg-Eimsbüttel. Helge kommt mit roter Wollmütze durch den Regen gestapft und hält mir zur Begrüßung seine linke Hand hin, weil die rechte noch dreckig ist vom Parkspaziergang mit dem Töchterchen. So kommen wir auch gleich locker-flockig ins Gespräch (nicht, dass das meine Sorge gewesen wäre) und als wir dann bei Minztee im vollgeraunten Café sitzen, will ich erstmal wissen, wie das so war bei ihm bisher und wie er dahin gekommen ist, wo er jetzt ist.

Im Hamburger Umland aufgewachsen, hat es Helge zum Studium nach München verschlagen: Theaterwissenschaft, weil Theater irgendwie das war, was ihn neben der Pädagogik auch interessierte. An der Uni gab es eine Studiobühne, an der er gemeinsam mit Kommilitonen ein paar Sachen gemacht hat. Dabei war er von Anfang an der Entscheidungsträger – selbst zu spielen hat ihn nie gereizt, auch wenn er’s inzwischen ein wenig bereut, es nicht mal ausprobiert zu haben (kann ja noch kommen! (-: ). Gab es da auch Angst vor der Verantwortung, die ein Regisseur so hat?, frag ich. Nö, sagt er, das war ja mit Kommilitonen, „da war das mit der Angst kein Thema, weil man das mit Freunden macht. Und dann merkt man glaube ich sehr schnell, ob man das irgendwie kann … oder will.“

Helge Schmidt, sinnierend. (c) Helge Schmidt

Helge Schmidt, sinnierend. © Helge Schmidt

Und er wollte! Also nach dem Studium zurück nach Hamburg, am Thalia hospitiert und darüber dann die Assistenz angeboten bekommen, wie sich das manchmal eben so ergibt. Dreieinhalb Jahre Regieassistent an einem der größten Häuser, wie war das? – „Viel, viel Arbeit“, erklärt er mir, „und viel, viel Lernen! Auch wenn sich letzteres irgendwann erschöpft, trotz der großartigen Leute, mit denen man da in Kontakt kommt. Hinzu kommt, dass die großen Häuser nicht so einen Druck haben, eigene Leute zu entwickeln, weil die sich einfach welche holen können, deswegen sollte man dann auch nicht überassistieren.“

Er überlegt. Inzwischen würde er lieber an einem Haus anfangen, wo aus den Assistenten auch der Regienachwuchs rekrutiert wird, aber – und jetzt kommt er ein bisschen ins Schlingern – denn „so genau kann man das auch nicht sagen, dafür kann man an großen Häusern mit den tollsten Leuten arbeiten.“ Hmm, überall Vor- und Nachteile eben.

Am Thalia lief es zudem eigentlich ziemlich gut für ihn: seine Abschlussinszenierung » Vom Lagerfeuer zum Weltenbrand, die für die Gaußstraßen-Garage tatsächlich zu laut war, hat er fürs Nachtasyl zum szenischen Konzert » Kafka ist traurig umgearbeitet, in „ein Konzert der Melancholie, ein Bad im Selbstmitleid und ein Lobgesang der Traurigkeit“, wie es auf der Website heißt. Auch im Nachtasyl und auch sehr sehenswert: » Rum und Wodka, ein feiner, wie-bring-ich-mein-Leben-komplett-durcheinander-in-3-Tagen-Monolog. Sven Schelker turnt da in Baratmosphäre durchs Bällebad-Bühnenbild und erzählt hochkonzentriert und mitreißend die Geschichte eines gescheiterten Lebensentwurfs zwischen Reihenhaus und Nine-to-Five-Job. Der Abend lief inzwischen an die dreißig Mal: „die Kombination aus Titel, Sven und Nachtasyl zieht“ und entstanden ist er ganz spontan weil beide zufällig zeitgleich ein paar Wochen frei hatten und was machen wollten. Eine szenische Lesereihe hat Helge auch noch konzipiert, » Weltenreisen heißt die und aus der haben sich dann die » Thalia Kulturlandschaften entwickelt, die demnächst in der schon vierten Runde das Hamburger Umland bereichern werden.

Aber genug von früher, was macht er denn jetzt? Nach dem Thalia hat er überlegt, noch Regie zu studieren aber sich dann doch dagegen entschieden. Obwohl es Regiestudenten wesentlich leichter haben: Für einen Einfach-so-Regisseur ist es schwerer, die entscheidenden Leute in seine Vorstellungen zu bekommen – die fahren nicht auf Verdacht mal irgendwo hin. Obwohl sie das mal sollten – zum Beispiel in Helges wunderbar zärtlich-witziges Gentrifiction am Lichthof-Theater – eine Tragikomödie aus der Feder von Lena Biresch, in der das Weltende naht und vier hilflose Gestalten auf ihre Art damit umgehen. „Die Wissenschaftler, die die ganze Zeit irgendwelche physikalischen Dinge besprechen und sich dann mit einer Rettungsdecke schützen wollen – das finde ich irgendwie schön“ sagt er über eine Szene in seiner Inszenierung. „Man kann superschlau über alle Dinge reden und sämtliche Theorien kennen, aber was nützt einem das, wenn man Beruf und Familie vereinbaren will oder seine Sozialversicherung bezahlen muss, Stress mit der Freundin hat oder einen depressiven Freund – es bleibt immer ein Gefühl von Hilflosigkeit, man bleibt eben doch mit vielem alleine.“

Das interessiert ihn bei der Geschichte – diese kleine Lebensmelancholie, die verschiedenen Handlungsstrategien und die Zärtlichkeit, die die Figuren füreinander entwickeln. Und auch bei Rum und Wodka bemerkt man diese Liebe zum Kleinteiligen, die genaue Auseinandersetzung mit der Figur, die neugierige Betrachtung der verschiedenen Lebenskonzepte. Dafür braucht Helge nicht viel mehr als reduzierte aber irgendwie verträumte Bühnenbilder (bei beiden Inszenierungen: Jennifer Wjertzoch) und die aufmerksame Arbeit mit seinen Spielern. Als Regisseur sei er auf jeden Fall kein Rumschreier, sondern ganz offen, erklärt er mir. „Wobei das manchmal ganz schön schwierig sein kann, das wieder einzuholen und zu sagen: Gut, jetzt haben wir ganz viel geredet aber jetzt entscheide ich. Das muss man lernen. Wo da der richtige Punkt ist zu sagen: Jetzt ist die Diskussion vorbei.“ Beim Regieführen gehe es eigentlich darum, ob man es aushält, in dieser Position zu sein, „aber das macht mir gar nichts aus, ich fühle mich da eigentlich gut … “

Und jetzt muss er sich eben durchkämpfen in der freien Szene – Ideen entwickeln, Anträge schreiben, viel Zeit und Kraft investieren und nie so genau wissen, was als Nächstes kommt.

Mir ist völlig schleierhaft wie man davon leben soll, freie Szene zu machen

… sagt er und runzelt die Stirn. „Da musst du schon richtig dick im Geschäft sein und dann bist du quasi schon am Stadttheater, dann wollen die dich natürlich gern verpflichten“. Das ist zum Haareraufen. Und so stößt man im Gespräch mit Theaterleuten immer wieder auf dieses mehr oder weniger geheime Etwas, was alle dazu bringt, das zu machen, was sie eben machen. Helge Schmidt interessiert vor allem auch die Herangehensweise an einen Stoff, die Suche nach der Wahrheit und die Suche nach einer Haltung: „Ich will eigentlich, wenn ich anfange, schon wissen, warum ich das mache oder wo ich hin will.“

Wo will er in ein paar Jahren sein, frag ich. „Gerne mehr inszenieren und ein bisschen mehr Sicherheit haben.“ Und wo? Frag ich weiter. Was ist für dich ein idealer Theaterraum? „Ne richtige Guckkastenbühne ist schon super“, sagt er, „aber das kommt dann eher mit dem Stück. Unter Eis von Falk Richter wäre bei mir zum Beispiel draußen.“ Dann überlegt er. „Das Nachtasyl ist ein schwieriger Raum, das ist eben einfach ’ne Bar und das kriegst du auch nicht weg. Die Lichthof-Bühne ist richtig schön, … so Studiobühnen generell.“ Und augenzwinkernd: „Über die großen Bühnen muss ich mir ja eigentlich noch keine Gedanken machen.“

Nebenbei unterrichtet Helge Darstellendes Spiel an einer Stadtteilschule. In der fünften Klasse will er da vor allem, dass die Kinder Spaß an Bewegung entwickeln, weil sie zu viel Zeit vor dem Fernseher oder der Playstation verbringen, mit denen macht er also eher Theatersport. In der achten Klasse soll ein richtiges Stück gemacht werden, da muss er Sachen suchen, die was mit den Schülern zu tun haben. „Da muss man was mitbringen und das so lange durchziehen, bis die sich dafür begeistern“. Klingt ein bisschen wie manch Probenarbeit am Stadttheater, denk ich.

Apropos, gibt’s ein Theater, an dem du dich zuhause fühlst? „Das Thalia!“ kommt als klare Antwort. „Da bin ich als Schüler schon hingegangen, nach dem Abi auch, hab dann da gerne gearbeitet und mag die Leute da sehr – das wird auch nicht mehr weggehen. Auch mit einer anderen Intendanz – das Gefühl, wenn ich da hin gehe, ist immer das Gleiche.“
Im Lichthof-Theater ist er inzwischen auch sehr gern, „die haben schon eine ziemlich große Trefferquote bei den Sachen, die sie machen“. Und auch für die Arbeit dort hat er fast nur gute Worte übrig: „Dass da so wenig Leute arbeiten ist klar ein Nachteil, weil man ganz viel selber machen muss, aber es ist auch schön, weil du jeden kennst, und alle freuen sich total für dich und mit dir wenn du einen guten Abend machst.“

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Helge Schmidt im Selbstporträt. „Oje, da komme ich aber nicht gut weg“

Und wie ist das mit dem Realitätsverlust, der der Theaterarbeit so oft innewohnt? „Die Arbeit an der Stadtteilschule bringt mich immer schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Da sieht und erlebt man viel mit den Kindern“ – kurze Pause, er schlürft an seinem Minztee: „ansonsten hilft auch einfach: Ein Kind haben. Wenn man nach Hause kommt von der Probe mit keine Ahnung was im Kopf, dann ist das dem Kind völlig egal. Da musst du dann halt Papa sein!“

Und deswegen verabschieden wir uns jetzt hier auch, denn zu Hause wartet die Familie. Draußen regnets immer noch, Helge setzt sich seine rote Wollmütze auf und meint: „Wir sehen uns bestimmt bald auf irgendeiner Premierenfeier“ – oder demnächst im Lichthof, zur Wiederaufnahme von Gentrifiction. „Ob ich jetzt gut bin oder nicht, das sollen andere beurteilen“ hat er im Gespräch gesagt. Wir meinen: Der macht das schon, der Helge.


» Rum und Wodka wieder am 23.3. und 20.4., Thalia Theater / Nachtasyl
» Gentrifiction
wieder am 31. März und am 2. und 3. April, LICHTHOF Theater