vorgestellt: für vielfalt und grenzüberwindung – henri hüster

Jedes Jahr schreibt das LICHTHOF Theater zusammen mit der Theaterakademie Hamburg und der Hamburgischen Kulturstiftung den Start-off-Wettbewerb für junge RegisseurInnen aus. Letztes Jahr konnte » Clara Weyde mit ihrem Totenschiff hohe Wellen schlagen, dieses Jahr gehen die 15.000 € an den Theaterakademie-Absolventen Henri Hüster.

Sein Konzept zu Rainald Goetz‘ Irre war so überzeugend, dass der Autor die eigentlich ungern erteilte Genehmigung zur Aufführung gab – Grund genug, den Regisseur kennenzulernen: Wir haben Henri eine Woche vor der Premiere in der Probebühne im Gängeviertel getroffen.

… weil ich in Kunst ’ne Sechs hatte und Musik nicht machen wollte

Zur Regie gekommen ist Henri eher durch Zufall. Er wuchs in Berlin auf und brauchte dort in der Oberstufe ein künstlerisches Fach. Die Entscheidung fiel aus den genannten Gründen auf Darstellendes Spiel und dann kam eines zum anderen. Im zweiten Jahr wollten die Schüler Becketts Warten auf Godot machen, die Lehrerin fand sich zögernd bereit: „Ich versteh zwar den Text nicht, aber ich mach euch ’ne Art Dramaturgie und ihr inszeniert das dann.“ Henri und seine Mitschüler inszenierten fleißig los, die Aufführung war ein Erfolg.

Nach der Schule verschlug es den jungen Theatermacher nach Linz, erst als Hospitanten, später als Regieassistenten: Eine sehr schöne und prägende Zeit, in der er lernen, experimentieren, inszenieren und Kontakte knüpfen konnte, die bis heute reichen – so kennt er zum Beispiel zwei seiner Irre-Spieler aus dieser Zeit. Nach der Assistenz wollte Henri lieber noch ein bisschen wachsen, statt sich gleich freiarbeitend durch die Branche zu boxen und wurde mit 22 in Hamburg zum Regiestudium angenommen.

Seinen Abschluss an der Theaterakademie hat er letztes Jahr mit Ein weiteres Beispiel für die Durchlässigkeit gewisser Grenzen von David Foster Wallace gemacht. Schon hier interessierte ihn die Frage, auf welche verschiedenen Arten man Sinn konstruieren und Geschichten erzählen kann, und zwar möglichst grenzüberschreitend, irgendwo zwischen den Medien, Stilen, Kompetenzen. Wie sprechen Geschichten aus Körpern? Wie beeinflussen sich Sprache und Körper gegenseitig? Wie entsteht aus ungeordneten Informationen eine lineare Erzählung?

Es gibt ja die Möglichkeit, Dinge einfach mal geschehen zu lassen oder aber gleich zu strukturieren und zu bewerten. Ich glaube, der Mensch ist schon sehr darauf konditioniert, Sinn zu konstruieren. Wenn man seinen Freunden zum Beispiel irgendwas Erlebtes erzählt, dann am liebsten eine lineare Geschichte. Aber das lässt ja ganz oft ganz viel weg.

Bei Irre arbeitet er, um diese Fragen auszuloten und Grenzen verschwimmen zu lassen, wie auch schon bei seiner Abschlussarbeit mit der Choreographin Vasna Aguilar zusammen. Der Roman liefert dafür gute Vorlagen, wie Henri erklärt: „Im ersten Teil ist der komplett durcheinander, fragmentarisch; mit einzelnen Stimmen und Dingen, die man nicht zuordnen kann – verschiedene Personen, verschiedene Stile. Im zweiten Teil erzählt Goetz die Geschichte eines Arztes, der ein Jahr in der Psychiatrie arbeitet, im dritten Teil dann, wie dieser Arzt in die Kunst geht und die Psychiatrie hinter sich lässt.“

Willkommen bei Irre © Marie Sturminger

Die Bühne von Lea Burkhalter und das Konzept im Allgemeinen passen sich dieser Form an: Im ersten Teil viele ungeordnete, blitzlichtartige Dinge, die jeder für sich aufnehmen kann, wie er will und die im zweiten Teil zu einer linearen Geschichte zusammenfließen. Daran wird allerdings gerade noch geschraubt: „Den zweiten Teil haben wir erst zur Hälfte. Bei der Premiere werden wir wohl eher zeigen, wie weit wir gekommen sind – wir können auch einfach die Bücher aufklappen und den Rest lesen. Es geht nicht darum, fertig zu sein – interessanter ist das Gefühl zu der Arbeit.“ – das erzählt Henri ganz lässig und überhaupt nicht nervös. Bei diesem Thema, erklärt er, müsse man einfach behutsam vorgehen, Schritt für Schritt. Inhaltlich interessiere ihn hier vor allem die Frage nach Normalität und Wahnsinn. Wie viel Wahnsinn steckt in jemand vermeintlich Normalem? Was ist das eigentlich – „normal“ – und warum braucht die Gesellschaft einen Ort namens Psychiatrie? Henri sinniert weiter:

Wenn man psychische Probleme hat, ist es dann gut, mit lauter Leuten zusammen zu sein, die auch psychische Probleme haben? Wie kommt es überhaupt zu so einem Ort und wie kommt es zu so einer Abgrenzung von Normalität und Wahnsinn? Alles muss normalisiert und geordnet werden. Das ist auch ein stadtpolitischer Begriff. Bitte keine Differenz, alles in seinem Bereich. Das finde ich schwierig.

Was Henri vom Theater verlangt oder zu erreichen versucht, ist kein Realismus der Darstellung – im Fall von Irre also keine Ärzte im weißen Kittel oder ein klassischer, wie auch immer gearteter Psychiatrie-Raum. Er sucht eine Form von Empathieverstärkung, die Sichtbarmachung von der Vielfalt der Möglichkeiten und den daraus resultierenden immer wieder nötigen Perspektivwechsel. Das wird auch Irre zeigen – ohne feste Rollenzuordnung werden die vier Spieler immer wieder in Figuren hineingehen und sie wieder verlassen.

„Wenn Perspektivwechsel nicht mehr möglich ist, dann ist irgendwas starr geworden und dann muss man dringend schauen, was das ist.“ findet Henri und wie und wo es nach Irre weitergeht, weiß er noch nicht so genau. Er hat Anträge und Bewerbungen geschrieben, schmiedet Pläne und ist mit ein paar Leuten im Gespräch – „Aber ich glaube, eh ich was mache, was ich nicht will, geh ich lieber kellnern …“

Wir glauben ja, der wird schon machen, was er will, sind gespannt auf die kommende Premiere und verbleiben mit einem herzlichsten ToiToiToi!


» Irre nach Rainald Goetz
Regie: Henri Hüster | Choreografie: Vasna Aguilar
Es spielen: Vasna Aguilar, Aurel von Arx, Anna Eger und Lukas Gander

Premiere am 20.1. (derzeit ausverkauft), weitere Termine 21.+22., 27.-29.1., LICHTHOF Theater Hamburg


Weiterlesen und -stöbern:

» LICHTHOF-Interview mit Henri Hüster: „Die Kategorien von Normalität und Wahnsinn scheinen überholt“
» Video: “Ein weiteres Beispiel für die Durchlässigkeit gewisser Grenzen“ beim Körber-Studio für junge Regie
» Website der Probebühne im Gängeviertel