tänzerIn sein: kunst machen auf eigene gefahr! das soloprojekt „SONDER“ feiert premiere im hamburger sprechwerk

Die Studenten des 2. Ausbildungsjahres der Contemporary Dance School Hamburg (CDSH) zeigen im Hamburger Sprechwerk am 19.05. und 20.05. den Tanzabend „SONDER“: Zwölf selbst konzipierte und choreographierte Soli. Ein Abend, der mit tänzerischem Können, erfrischenden Ideen und unverbrauchter Leidenschaft nur so um sich schmeißt.

Das eigene Soloprojekt als fester Baustein des zweiten Ausbildungsjahres ist ein wichtiger Bestandteil des Ausbildungskonzepts der CDSH. Über einen Zeitraum von mehreren Monaten erarbeiten die jungen Tänzer*innen ein eigenes Solo. Dabei treffen sie vom ersten Gedanken über die Konzeption, Dramaturgie und Choreographie bis hin zur Musik, Kostüm und Requisite jede Entscheidung alleine. Begleitet werden sie während des Prozesses vom künstlerischen Leiter Raul Valdez, der in regelmäßigen Mentoring-Sessions mit den Student*innen den Stand ihrer Arbeit bespricht, kritisch hinterfragt und diskutiert. Richtungen vorgegeben und Entscheidungen abgenommen werden dabei jedoch nicht.
Das Soloprojekt dient einer ersten Heranführung an das eigene künstlerische Arbeiten. Hier wird zum Einen die Freiheit gewährt, eigene Ideen individuell zu entfalten, zum Anderen aber auch die Verantwortung übergeben, die Konsequenzen für das Ergebnis selbst zu tragen: Welcome to the real world.
Zumindest fast ‚real‘. Der geschützte Raum der Mentoring-Sessions erlaubt einen sensiblen Übergang von der Weisungsgebundenheit im Klassenraum zur schonungslosen Selbstoffenbarung eines eigens choreographierten und getanzten/performten 15-minütigen Solos auf der Bühne. Aber ob ‚real‘ oder ‚fast real‘: Jetzt schon mal Hut ab! für den Mut der jungen Student*innen, diese Herausforderung anzunehmen, sich hinter nichts als dem eigenen Können verstecken zu können (also gar nicht) und sich damit dem Zuschauer und seiner Reaktion so vielseitig auszuliefern.

Der von der Klasse festgelegte Titel SONDER definiert sich wie folgt: „The realization that passes by has a life as vivid and complex as your own“. Damit soll im weitesten Sinne gesagt werden, dass jedes einzelne Leben so komplex und vielfältig ist wie das Eigene. Eine Erkenntnis, die es lohnt, sich von Zeit zu Zeit wieder ins Gedächtnis zu rufen und eine Erkenntnis, die gleichzeitig auf eingängliche Art dem gesamten Abend in all seinen 12 Einzelteilen eine Existenzberechtigung gibt. Wenn jedes Leben so komplex und vielfältig ist wie das eigene, sind vermeintlich auch die daraus entstehenden Ideen und Wahrheiten ebenso real und relevant wie die Eigenen. Das macht nicht jede Idee gleich zu Kunst oder einem Kunstwerk, aber es ist die Idee einer Person, die aus einem individuellen Kontext heraus entstanden ist und die losgelöst von persönlichem Geschmack und vorgefertigter künstlerischer Meinung erst mal so für sich steht.
Der Titel des Abends verlangt vom Zuschauer eine offene und unvoreingenommene Betrachtung der 12 Solisten. Er sagt „Jeder von uns ist so vielseitig wie der Andere. Punkt. Der Rest ist subjektive Bewertung.“

SONDER. (c)Javier Baez

Und genauso zeigen sich die 12 Student*innen. Jeder Einzelne von ihnen hat einen gänzlich anderen Weg in diesem Soloprojekt gewählt. Der Zuschauer sieht zwölf für sich stehende Kurz-Stücke, was zu der erfrischenden Erkenntnis führt, dass die sogenannten „Eigenen Arbeiten“ nicht nur ein formales, sondern auch gelebtes Konzept im zweiten Ausbildungsjahr sind. Es gibt wirklich keine gemeinsame Box aus choreographischen Stilmitteln, auf die alle zugreifen, sondern hier macht jeder seins.  Hier sind 12 junge, ambitionierte Menschen, die darum wissen, wie verschieden sie voneinander sind und es auch gar nicht anders wollen. Der Titel SONDER scheint die Essenz dieses Ausbildungsjahres zu sein.

Den Abend beginnt der 21jährige Felix Kindschuh, der mit seiner Performance „Stimulus“ den Zuschauer von der ersten Minute in seine entrückte Welt zwingt und danach verwirrt zurück lässt. Felix Kindschuh hat zweifelsohne ein Talent, über minimale Gesten und Mimiken dem Zuschauer Einblick in sein Inneres zu gewähren. Und da drinnen ist offenbar einiges los. Unangestrengt und spielerisch springt er hin und her zwischen Rollen und Reizen und setzt sich mit fast übermütiger Arroganz auf den eigenen Wahnsinn. Eindrucksvoll zurück bleibt die Erinnerung eines jungen Mannes im adretten Anzug, der in einem Jutebeutel mit dem Schriftzug „full of love“ über die Bühne hüpft und sich kurz danach Slipeinlagen auf die Brust klebt, um dann im Gigolo-Habitus über die Bühne zu tanzen. Man kann nicht mit so schmerzhafter Leichtigkeit Abgründe bespielen, wenn man nicht selbst hineingeschaut hat. Ein klug inszeniertes und großartig performtes Stück. Es hat Momente, die noch feiner gespielt, noch klarer definiert, noch subtiler adressiert werden könnten. Aber Felix Kindschuh ist das große Kunststück gelungen, in seiner Soloarbeit im erst zweiten Ausbildungsjahr eine eigene Stimme zu zeigen und hat sich damit auf den Weg begeben, eine Nische für sich zu finden.

Für einen Moment fragt sich der Zuschauer, was jetzt wohl kommen wird, wenn „Stimulus“ den Maßstab für den Abend gesetzt hat. Aber dann erinnert man sich an die Idee von „SONDER“. Vielseitigkeit. Komplexität. Jeder ist. Jeder darf. Jeder kann. Alle Soli geschehen lassen, in ihrer Individualität annehmen und für sich stehend auf sich wirken lassen.

Julie Bøhnkenielsen aus Dänemark hat die Aufgabe des Soloprojekts gänzlich anders, aber nicht weniger konsequent umgesetzt. Als eine der wenigen Darsteller*innen des Abends erlaubt sie einen emotional besonders tiefen Einblick in ihre Idee zu „Traces of Memory“. Julie, die mit ihren erst 21 Jahren eine bemerkenswerte Ruhe und Ernsthaftigkeit auf die Bühne bringt, bedient sich in jeder Hinsicht an der Reduktion. Ein einfaches schwarzes Kleid, keine Requisiten, eine sich mit dem Moment verbindende Soundcollage. Es scheint, als wolle sie kein großes Aufheben machen um etwas, was ohnehin jeder weiß: Menschen werden geprägt und geleitet von ihre Erinnerungen und den Spuren der Erinnerungen. Ist nichts Neues, ist aber so. Und genau in dieser Unaufgeregtheit liegt die Kraft des Solo von Julie Bøhnkenielsen. Man hat als Zuschauer das Gefühl, dass keine Bewegung, kein Blick und kein Weg stattfindet, der nicht wirklich sein muss. Ihr Solostück vibriert von innen nach außen wie eine Erinnerung, mit der man leben muss, die begleitet, drückt, treibt und formt. Und Julie nimmt sich nicht wichtiger, als das, was sie erzählen will. Sie benutzt sich selbst schlicht als Medium.

Das Solo „Ragnarökk“ liefert den „Gala“-Moment des Abends. Für einen Moment wird der Zuschauer in den plauschigen Sessel eines großen Staatstheaters katapultiert und sieht dem Tänzer Cesar Jose Gutierrezsalas aus der Company XYZ dabei zu, wie er um sein Leben tanzt. Cesar ist ohne jeden Zweifel ein herausragender Tänzer, der seinen Körper bestimmt und beherrscht und ihm deswegen tatsächlich das Reden überlassen kann. Cesar nutzt seinen Körper als sein Instrument und er tut dieses mit großer Klarheit und Raffinesse. Der Moment braucht nichts Anderes als das. Die Tatsache, dass er geschminkt ist wie ein Wesen aus einer anderen Welt und man nicht weiß, ob gerade ein Ding, ein Tier oder ein Mensch eine Metamorphose durchläuft, vervollständigt die phantasieweltartige Illusion um die stärkste Tanz-Darbietung des Abends.

Und dann kommt irgendwann Alexander Varekhine in einem langen, goldenen, glitzerndem Kleid. Den Rücken zum Zuschauer und scheinbar masturbierend – oder auch nicht. An der Wand aufgehängt ein Anzug. Er tanzt in weiten Bewegungen über die Bühne, um immer wieder anzuhalten und sich selbst und dem Publikum seine Männlichkeit zu versichern, in dem er vorsichtig die schwarzen Jungs-Boxershorts unter seinem Kleid enthüllt. Ohne Konsequenz. Worin sollte die auch bestehen? Er ist eben einfach ein junger Mann in einem goldenen Kleid. All die Direktheit seiner Message darf und muss genauso sein. „Jungs weinen nicht und tragen von Geburt an blau.“ schreibt Alexander im Programmheft. Und es gelingt ihm, diesen einfachen Satz leichtfüßig, unverbraucht und mit einer außerordentlich starken Bühnenpräsenz auf den Kopf zu stellen. Alexander will mit „kannMann“ keinen politischen Beitrag zur Geschlechter-Debatte abliefern, sondern etwas von sich erzählen. Das ist ihm gelungen.

SONDER. (c) Javier Baez

Den Abend schließt Clàudia Ferrando mit „Coitus Interruptus“. Die junge Darstellerin stellt eine beeindruckend klare Verbindung zum Zuschauer her und lässt diesen keine Sekunde aus seiner Verantwortung, hinzuschauen. Ihr Spiel ist magnetisierend und ausdrucksstark. Noch lange, nachdem der Abend bereits vorüber ist, verbleiben der Klang der Gabel, die unaufhörlich auf dem Teller kratzt und der fordernde Blick der Darstellerin in der Erinnerung des Zuschauers.

Wie Clàudia Ferrando ist es vielen Tänzer*innen des 2. Ausbildungsjahres gelungen, trotz der Bild- und Reizüberflutung von 12 Stücken mit Eindrücken in Erinnerung zu bleiben. Ob es die sensible, zurückhaltende Darstellung der Australierin Victoria Davis zwischen Erde und Blumentöpfen war, die sich mit Bescheidenheit und großem Können in den Kontext des Bühnenbilds einfügt oder die beeindruckende Mischung aus Licht und darin aufsteigendem Staub, in dem die talentierte junge Tänzerin Luzie Heyden ihre Idee von Anfang und Unendlichkeit umsetzt. Oder ein rotes Kleid gefangen in Bahnen aus Plastik und blauem Licht – das unbeschwerte, verspielte Solo von Mascha Zarske; Lidia Thiessen, die das Publikum unverhofft tief berührt, als sie aufhört, sich um die Lichtquelle zu bewegen und das Licht sich vor ihr bewegt. Nana Anine Jørgensen, eine technisch versierte Tänzerin und Femme Fatale, die nur vermeintlich die Kontrolle über ihr Beziehungsleben hat und dieses pointiert und gekonnt mit nichts mehr als einem roten Becher darstellt. Carolin Lorek von der Präsenz des gewählten Musikwerks fast überrannt, aber dabei trotzdem einfach sie selbst geblieben: Eine junge Frau in Leggings, Tshirt und mit roten Haaren, die Tanzen als ihren Weg gewählt hat. Und last but not least Jozefina Frljic mit „Subjective Reality“: Ein hochgradig klug inszeniertes Stück über die eigenen Empfindungswelten, in dem sie eins wird mit den von ihr gewählten Realitäten.

„SONDER“ ist ein lohnenswerter, inspirierender Abend, der einen tiefen Einblick in die Arbeit der CDSH gewährt. Er zeigt bei allem Potential und Talent auf der Bühne auch, dass der Weg zur eigenen Stimme und dem, was man sagen möchte, eine Suche ist, die nicht nach einer Soloprojektarbeit abgeschlossen ist.  Es bedarf noch vielen kommenden falschen und richtigen Entscheidungen, dem Verharren in Komfortzonen und dem Ausprobieren und Scheitern, um die eigene Sicht auf sein Anliegen zu schärfen und für den Zuschauer sichtbar zu machen. Und es bedarf Mut, sich auf diese Suche zu begeben und sich nicht mit dem, was man meint, bereits zu wissen, zufrieden zu geben. Es ist auch nicht der Anspruch der CDSH, einen perfekten Abend erfahrener Darsteller zu präsentieren.  Vielmehr wird den Studenten*innen in „SONDER“ der Freiraum gegeben werden, sich auf eben diese Suche zu begeben. Und der Zuschauer wird eingeladen, diesem faszinierenden Prozess der Entstehung von Visionen und letztendlich dem Wachsen von Künstlern beizuwohnen.


»SONDER – Solo-Choreographien der CDSH-StudentInnen
19.05./20.05.2017, 18:30 Uhr, Hamburger Sprechwerk
12€ VVK, 16€ Abendkasse.

zur »Website der Contemporary Dance School Hamburg


Unsere Gastautorin Uta Engel ist ausgebildete zeitgenössiche Bühnentänzerin und Diplomkauffrau. Sie ist Gründerin und künstlerische Leiterin des Hamburger Profi-Tanzensembles Sticky Trace Company und künstlerische Leiterin des Jugendensembles Saltazio. Uta Engel ist als freischaffende Choreographin und Autorin tätig. Seit 2008 hat sie rund 20 Kurzstücke und 7 Produktionen erarbeitet. Ihre Arbeiten wurde u.a. auf K3/Kampnagel, dem LICHTHOF Theater, dem Hamburger Sprechwerk, dem Theater für Niedersachsen, dem Pavillon Theater und dem Haus der Festspiele im Rahmen des Tanztreffens der Jugend der Berliner Festspiele gezeigt. Uta Engel hat zwei Bücher mit Kurztexten und Gedichten im Patmos Verlag veröffentlicht. Neben ihren eigenen künstlerischen Arbeiten berät und konzipiert sie Projektvorhaben aus Kunst und Wirtschaft.