stückeinführung vom großwesir – märchenzeit am schauspielhaus

Wenn die Tage kürzer werden, gibt’s mindestens einen Grund zur Freude: Märchenzeit!
Letztes Jahr wurden wir am Schauspielhaus noch zu König Artus nach Großbritannien entführt, diesmal nehmen uns Markus Bothe und sein Team mit in den Orient, zu den Geschichten von Tausendundeine Nacht.

Eine Woche vor der Premiere haben wir uns mit dem Schauspieler Jonas Hien zum Gespräch getroffen, seines Zeichens Großwesir des Sultans, also höchster Beamter im orientalischen Staat, und daher bestens geeignet für Stückeinführung und erste Einblicke in den Probenstand.

Tausendundeine Nacht. (c)Kerstin Schomburg

Tausendundeine Nacht. (c)Kerstin Schomburg

In der Rahmenhandlung der Geschichten um Tausendundeine Nacht geht es eigentlich um einen grausamen Sultan, der aus enttäuschter Liebe heraus ständig Frauen umbringen will. Hingehalten wird diese Mordlust einzig durch die spannenden Erzählungen einer jungen Frau, Shehrazade, die ihn nach tausendundeiner Nacht Geschichten erzählen wieder zum guten Menschen macht und neue Liebe in ihm entfacht.

reihesiebenmitte: Regisseur Markus Bothe und Dramaturgin Nora Khoun haben auf dieser Basis ein eigenes Stück geschrieben, dessen Untertitel „Das Geheimnis der gestohlenen Kräfte“ lautet. Welche Kräfte werden denn gestohlen?

Jonas Hien: Bei uns sind es  generell Untertanen, die er tötet, nicht nur Frauen wie im Original. Ich bin der Großwesir des Sultans und Shehrazade, gespielt von Josefine Israel, ist meine Schwester.
In unserer Fassung ist es so, dass Shehrazade die Fähigkeit besitzt, uns in die Geschichten hineinzuerzählen; wir bewegen uns also in ihrer Fantasiewelt von Tausendundeiner Nacht.
Das Problem ist, dass innerhalb dieser Welt die Figuren ihre Fähigkeiten verloren haben und die Geschichten somit total langweilig geworden sind, also auch nicht mehr überzeugend für den Sultan: Ali Baba sucht seine Klugheit, Sindbad seinen Mut und der Dschinn seine Zauberkräfte, weil der böse Zauberer Dschafar, der ja eigentlich von Shehrazade erschaffen wurde, versucht, in ihrer eigenen Fantasie die Macht zu übernehmen.

Jonas Hien. © Matthias Baus

Jonas Hien erklärt uns den Orient. © Matthias Baus

Das klingt vielschichtig!

Lacht Unkompliziert ist das nicht. In erster Linie geht es darum, erst einmal innerhalb der Geschichte diese Fähigkeiten zurückzubekommen. Dafür wird mit Dschafar eine Wette abgeschlossen. Wenn die funktioniert, wird alles wieder gemacht wie vorher, wenn nicht, dann muss Shehrazade ihre Fantasie hergeben.
Ich selber werde von Dschafar zu seinem Schergen verwandelt: Der klassische, auch ziemlich tollpatschige Gehilfe des Bösewichts. Nicht unbedingt zuständig für den Gruselfaktor, sondern auch für die Humorebene.

Die Themen sind also Fantasie und Wirklichkeit und die Macht von Gut und Böse?

Es geht die ganze Zeit darum, dass ich als Scherge diese Gruppe auseinander treiben soll, denn je mehr sie zusammen halten, desto stärker werden sie. Freundschaft, Liebe, Selbstvertrauen; Freiheit und Unfreiheit … Dschafar möchte alle gleich machen, also alle ihrer individuellen Fähigkeiten berauben weil er meint, dass die Menschen dann glücklicher sind. Das steht natürlich im Gegensatz zu Shehrazades Version von Tausendundeiner Nacht, in der es ganz unterschiedliche, interessante und vielfältige Menschen gibt. Das kann man dann natürlich auch politisch lesen, wenn man will.

Deswegen ist es ein Familienstück – für groß und klein.

Absolut, total. Für mich sind es die besten Vorstellungen, wenn das Publikum gemischt ist, weil jede Altersgruppe auf was anderes reagiert.

In der Ankündigung heißt es, dass der Zuschauer in „ein Land voller Zauberer, Flaschengeister und Helden“ entführt wird. Wie bekommt ihr das hin, mit nur sieben Schauspielern?

Neben uns Spielern gibt es noch viele Statisten und vor allem haben die Werkstätten großartigste Arbeit geleistet. Die haben irre Sachen gebaut. Ich will nicht zu viel verraten, aber es werden zum Beispiel ein zwei Meter großes Skelett, eine riesige Schlange und der Vogel Rok auftauchen, allein seine Beine sind vier Meter lang! Dann gibt’s wirklich ganz tolle Musik von Biber Gullatz, die natürlich auch alles verzaubert und auch die Bühne von Robert Schweer ist super, die dreht sich immer schön und kann die verschiedensten Räume zeigen …

Skizzier uns doch nochmal ein bisschen deine Figuren: Der Großwesir und der tollpatschige Scherge von Dschafar. Was macht die für dich interessant?

Beim Großwesir als obersten Beamten hab ich gedacht: Da kann man so richtig schön seine ganz spießige, ganz korrekte Seite zeigen. Ein bisschen verklemmt, auch ein bisschen ängstlich. Das ist dann auch der Gegensatz zum Schergen, den spiele ich sehr körperlich, fast „gollumartig“. Der Großwesir ist sehr clever und schnell im Kopf und der andere ist komplett irre und schizophren.

Der verzauberte Großwesir im Selbtporträt

Der verzauberte Großwesir im Selbtporträt

Woher der Irrsinn, die Schizophrenie?

Dschafar ist in seinem Kopf und spricht durch ihn: „Sie dürfen nicht zusammen sein!“ – „Ja ich weiß!“ –  „Bring sie auseinander!“ – „Ja, bin ja dabei!“ Lacht
Diese Figur ist ein ganz tolles Geschenk für einen Schauspieler, weil du alles machen kannst und keiner Logik mehr folgen musst. In so einer Fantasiewelt gibt es kein richtig und kein falsch, da muss nichts naturgetreu sein. Das macht total Spaß.
Mit Markus Bothe arbeite ich schon das dritte Mal zusammen, und das ist wirklich ein Geschenk, der hat mir das auch ein bisschen auf den Leib geschrieben. Die Gags sind diesmal auch noch nicht festgelegt, die entwickeln wir so auf der Probe.

Wir sind auf jeden Fall schon sehr gespannt und freuen uns auf die Premiere. Danke für deine Zeit, so mitten im Probentaumel! Hast du noch einen schönen Schlusssatz für uns?

Ich freu mich schon wieder total auf diese Zeit: Weihnachten, Märchen und jeden Tag spielen! Kommt gucken!

Geguckt wird ab dem 5. November im Schauspielhaus.


»Tausendundeine Nacht – Das Geheimnis der gestohlenen Kräfte
Familienstück von Markus Bothe und Nora Khuon
Regie: Markus Bothe
Es spielen: Jonas Anders, Achim Buch, Katja Danowski, Jonas Hien, Josefine Israel, Anja Laïs, Tobias Schormann, sowie Olaf Rausch. Statisterie und die Musiker Christian Gerber, Charlotte Madadi-Fiorina und Matthias Trippner

Premiere am 5.11., weitere Vorstellungen am 6.11. und vom 5.12. bis 1.1. fast täglich, Deutsches SchauSpielHaus Hamburg

Weiterlesen: »Ritter werden, König sein! reihesieben-Stückbesprechung zum König Artus vom letzten Jahr