schauspielerIn sein!
vorgestellt: vom krippenspiel zum erstengagement: kristin hansen

SchauspielerIn sein! Was hatte man nicht für Bilder im Kopf, damals: Einmal entdeckt geht es auf die roten Teppiche dieser Welt – jubelnde Massen, endlich die Anerkennung, die einem gebührt, Talent und Schönheit der Welt entgegenwerfen, den Menschen Lachen ins Gesicht und Liebe ins Herz zaubern, kurz: die Welt retten. Oder so.

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Was dran ist am Ideal und wie sich der Alltag des Schauspieler-Werdens dann tatsächlich anfühlt, dem wollen wir in dieser Reihe auf den Grund gehen. Deshalb haben wir uns mit Kristin Hansen getroffen. Die kommt frisch von der Schule für Schauspiel Hamburg und startet gerade ihr erstes Engagement am Theater im Werftpark, der jungen Spielstätte am Theater Kiel. Also: wie sah der aus, dein Weg auf die Bühne?

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Kristin, mach bitte was Künstlerisches.

Kristin stammt aus Niebüll, einer Kleinstadt an der dänischen Grenze, die letzte Stadt vor Sylt. Zehntausend Einwohner und nur plattes Land. Bis zur nächsten Stadt, und also auch bis zum nächsten Theater, fährt man eine knappe Stunde. Dann ist man an der Landesbühne Schleswig-Holstein und die war es auch, die Kristin das erste Theatererlebnis beschert hat. Harold und Maude wurde gegeben und „wie er sich immer umbringen wollte und seine Mutter reingelegt hat und dazu noch diese durchgeknallte Maude … Das war der Punkt, wo ich begann, eine Sensibilität fürs Theater zu entwickeln.“

Kristin bei der Vogelhochzeit im Kindergarten

Kristin bei der Vogelhochzeit im Kindergarten

Kristins Faszination für die Bühne zeigte sich aber schon viel eher: In ihrer Kindergartenzeit hatte sie die Hauptrolle bei Die Vogelhochzeit. Und auch beim Krippenspiel in der Kirche war sie dabei: „Da durfte ich den Stern spielen, hatte den also an einer Stange in der Hand, war ganz aufgeregt und bin dann vor 400 Leuten in der Kirche einfach umgekippt. Ich hab gedacht: Ich darf mich auf keinen Fall bewegen – also hab ich wahrscheinlich auch nicht geatmet“.

Und wenn sie, in ihrer schönen, behüteten Kindheit auf dem Lande, mal keine „Kuhställe ausgemistet oder Lämmer auf die Welt gebracht“ hat, dann hat sie „immer irgendwie Halligalli gemacht.“ Lieder einstudiert, sich verkleidet, die Familie als Publikum zwangsverpflichtet: „mit zusammengebasteltem Mikro, Auftritt, Applaus und allem. War wahrscheinlich unglaublich Panne.“  I can’t help myself von Paddy Kelly hat sie da zum Beispiel gesungen. Kindertraum: Die Mini-Playback-Show.

In der Schule dann das volle Programm: Tanz, Chor, TheaterAG – die ein oder andere Hauptrolle bei den – von Schülern selbst geschriebenen – Musicals in der Oberstufe. Da zeigte sich auch, wie wichtig wegbegleitende Menschen sind, die mit kleinen Sätzen Großes auslösen können: „Meine Sportlehrerin meinte nach einem Tanz: Kristin, was willst du denn mal machen? Ich so: Ja, Soziale Arbeit. Oder vielleicht auch was Künstlerisches, aber eher so Soziale Arbeit. Und sie: Kristin, mach bitte was Künstlerisches.“

Mach erstmal was Bodenständiges, Schauspiel kannste immer noch machen.

… hat die Mama dann aber gesagt. „Was ja total verquer ist,“, meint Kristin kopfschüttelnd, „weil Soziale Arbeit kannst du auch noch mit vierzig studieren, Schauspiel eher nicht …“. Dann hat sie aber doch erstmal Soziale Arbeit studiert.

(c) Niko Kopp

(c) Niko Kopp

Zwei Semester ging das ganz gut, im dritten saß sie nur noch unglücklich zu Hause. Nebenbei hat sie ein bisschen als Statistin gearbeitet, bei der Serie Der Landarzt zum Beispiel. Dort legte ihr ein Mann aus der Tonabteilung ans Herz, sich lieber ein bisschen mehr mit Schauspiel zu beschäftigen: „Und dieser Tonmann – bis heute würde ich so gerne wissen, wer das war –  weil der hat wirklich gesagt: Du machst das gut, mach das bitte weiter!“ – Sollte besagter Herr also diese Zeilen lesen, möge er sich bitte bei uns melden.

„Ich hatte Angst, mit vierzig dazusitzen und zu sagen: Was wäre gewesen, wenn – “ erzählt Kristin weiter. Also ließ sie sich von einem Schauspieler erklären, wie das alles so läuft. Und hörte das erste Mal von Monologen, Vorsprechen und Bewerbungsrunden. „Du kannst nichts verlieren. Du bist jung und das läuft schon irgendwie“ meinte der ermutigend, „aber von den Tücken des Schauspielerdaseins hat er damals natürlich nichts verraten“, bemerkt Kristin lachend. Das war aber auch nicht wichtig. Kristin wollte rein in diese Faszination Theater. Und auch Mama meinte schlussendlich: „Wenn du meinst, du musst das machen, dann machst du das.“ Also machte sie das.

„Wieviel wir geheult haben!“ – Die Schauspielschule

Kristin entschied sich für die private Schule für Schauspiel in Hamburg. Dort konnte sie nach erfolgreichem Absolvieren eines Vorsemesters (dreieinhalb Monate lang je drei Abende die Woche) sofort anfangen zu studieren – sie war ja mit 22, nach gängigen Schauspielermaßstäben, schon relativ spät dran.

Und dann ging es los: Tanz-, Gesangs- und Sprechunterricht, Stimmausbildung, Artikulation, Impro- und Rollenarbeit – das volle Programm. Das erste Jahr drehte sich vorrangig ums Finden der eigenen Körperlichkeit, ums durchlässig sein, ums frei werden. Das seien alles so esoterische Worte, sagt Kristin, aber es sei nun mal so: als Schauspieler muss man ganz viel zulassen können. So geht es im Stimmunterricht zuerst nur um das Atmen: „Atmen ist halt nicht gleich atmen. Das war bei allen ganz fest am Anfang. Wenn wir richtig atmen, lassen wir Emotionen zu.“ Kristin wird erst nachdenklich und grinst dann breit: „Dann atmest du irgendwann richtig und dann heulst du. Du heulst. Wieviel wir geheult haben!“

"Zeichnen kann ich noch schlechter als Slagline laufen"

„Zeichnen kann ich noch schlechter als Slagline laufen“

Ohne Konflikte geht aber eben auch nichts voran. „Wenn ich früher völlig ausgeglichen gewesen wäre, dann wäre ich bestimmt nicht Schauspielerin geworden. Es braucht diese innere Zerrissenheit, damit etwas Künstlerisches entstehen kann. Die Dozenten haben gesagt: Ihr müsst euch nicht ausgeschlafen und fit fühlen, um hier Glanzleistungen zu bringen. Ihr habt vielleicht eine ganz andere Spannung, wenn der Opa gestorben ist oder der Freund Schluss gemacht hat … wenn die Gedanken anders laufen, entstehen auch neue Dinge. Beweglich bleiben ist total wichtig.“

Letztendlich war dieser Bereich nur ein Bruchteil der Ausbildung, denn fürs professionelle Schauspiel braucht man noch eine ganze Menge mehr. Im zweiten Jahr: szenische Arbeit und Rollenfindung: „da nehmen die Dozenten dich dann auch ran. Du musst lernen, Kritik zu hören. Und nicht nur zu hören, sondern auch anzunehmen und umzusetzen.“ Auch Selbstmanagement und Leben als eigenständiger Künstler waren Themen im Studium, die kamen dann im dritten Jahr.

An Kristins Schauspielschule kann man den Abschluss entweder im Film- oder im Theaterbereich machen. Kristin wollte beides: „Im sechsten Semester hatte ich dann 50 Stunden die Woche plus Proben. Fürs Theater hatte ich drei Monologe und zwei Lieder für die Prüfung, für den Filmabschluss hat jeder zwei Demoszenen gedreht. Das war gutes Material für das Danach.“

„Man kann schon auch entdeckt werden“ – Smalltalk und Bewerbungen

Geht los. (c) Niko Kopp

Geht los. (c) Niko Kopp

Nach der Ausbildung geht es dann nämlich erst richtig los mit der Selbstvermarktung. Kristin hat sich aber schon während des Studiums gekümmert: Auf jedem Portal im Internet vertreten sein, netzwerken, smalltalken, weil: entweder man wird empfohlen oder im Internet gefunden. Oder man bewirbt sich. 200 Bewerbungen hat Kristin geschrieben, ungefähr 100 Antworten bekommen: viele Absagen, aber auch Einladungen zum Vorsprechen. „Man kann schon auch entdeckt werden. Aber du kannst nicht davon ausgehen. Als Privatschüler schon gar nicht.“ Ihr Erstengagement in Kiel hat sie aber nicht über ihre Bewerbungen bekommen, sondern über ihre Agentur – klappt also doch manchmal mit dem Entdecken. Bei einem Casting entdeckt wurde sie übrigens auch: für die deutsche Fernsehproduktion schlechthin, wie sie stolz erzählt: Vor kurzem hatte sie eine kleine Rolle im Tatort.

Schauspiel beschäftigt sich mit Menschen, da bist du mitten drin

Kristin sagt, dass das Studium sie sehr vorangebracht habe: „Persönlichkeitsfindung ist ein unglaublich großes Thema. Ich habe mich mehr lieben gelernt, gebe mehr Acht auf mich und meinen Körper.“ Und wenn wir jetzt den Bogen zurück schlagen zu ihrem abgebrochenen Studium – gibt’s da Parallelen? „Bei der Sozialen Arbeit wollte ich immer anderen Menschen helfen. So für andere da zu sein, daran wächst man ja auch sehr. Beim Schauspiel ist es genau andersherum, da geht es zuerst nur um dich und aus dir heraus dann um den anderen. Es darf aber eben auch um dich gehen, das heißt nicht, dass du schlechter mit deinen Mitmenschen umgehst, sondern ganz im Gegenteil. Du wirst dir selbst gerechter. Schauspiel beschäftigt sich mit Menschen, da bist du mitten drin. In der Sozialen Arbeit dagegen hast du immer diese professionelle Distanz … alles beurteilen und bewerten und moralisch sein.“

Was ein Spieler braucht, wie Kristin erklärt, ist vor allem eine vernünftige Verfassung. Um das ganze Auf und Ab zu ertragen, musst du schon einigermaßen gefestigt sein. Wochen- oder monatelang hagelt es Absagen, dann bekommst du plötzlich eine tolle Rolle, weil du gerade gut reinpasst, und dann neigst du ganz schnell zu Höhenflügen, bevor wieder das große Loch kommt. Und das darf natürlich auch nicht sein. Eigentlich musst du ganz entspannt bleiben. „Ist natürlich alles nur Theorie“, grinst Kristin, „Schauspieler sind sich über vieles bewusst, aber das dann umzusetzen … das ist eine andere Geschichte. Du bist eben einfach impulsiv. Ist ja aber auch total schön.“

Vorfreude auf die kommende Spielzeit ...

„Jaa, es brodelt, ich hab unglaublich Bock!“ – Vorfreude auf die erste Spielzeit

So, und jetzt kommt also das Erstengagement – fühlt man sich für sowas gewappnet? „Es ist einfach ein Traum, der in Erfüllung geht. Ich hab nie gedacht, dass Kristin Hansen aus Niebüll mal irgendwo auf einer Bühne stehen und mit Foto in einem Spielzeitheft abgedruckt sein würde“ erklärt sie strahlend. Ein Schlusswort gibt es heute nicht, sagt sie dann, weil jetzt geht’s ja erst los. Na dann – wir drücken die Daumen und schauen demnächst auf jeden Fall in Kiel vorbei. Viel Erfolg, liebe Kristin!


Weiterstöbern:

Die Spielzeit am »Theater Kiel startet am 17. September, die erste Premiere im Theater im Werftpark ist »Karlsson vom Dach am 2. Oktober.
Kristin Hansen findet ihr bei der » Agentur Gehrmann. Näheres zum Studium erfahrt ihr bei der » Schule für Schauspiel Hamburg.