schauspielerIn sein: reihesiebenmitte im selbstexperiment bei „staging democracy“

SchauspielerIn sein! Was hatte man nicht für Bilder im Kopf, damals: Einmal entdeckt geht es auf die roten Teppiche dieser Welt – jubelnde Massen, endlich die Anerkennung, die einem gebührt, Talent und Schönheit der Welt entgegenwerfen, den Menschen Lachen ins Gesicht und Liebe ins Herz zaubern, kurz: die Welt retten. Oder so.
Was dran ist am Ideal und wie sich der Alltag des Schauspieler-Seins dann tatsächlich anfühlt, dem wollen wir in dieser Reihe auf den Grund gehen.

Perspektivwechsel
Über SchauspielerInnen wird ja gern geredet. Aber reden kann man viel. Wir wollen verstehen! Also haben wir die Sichtweise geändert und sind für drei Monate selbst ein bisschen Schauspieler geworden. Bei Staging Democracy, einem sogenannten Bürgerbühnenprojekt. Letzte Woche war Premiere am LICHTHOF Theater Hamburg. Und wie der Weg dahin war, das soll dieser Text beschreiben.

Bürger-Münder. (c)G2Baraniak

Das Projekt
Staging Democracy ist ein Projekt, das sich über die gesamte aktuelle Spielzeit des LICHTHOF zieht. Im ersten Teil wurden Hamburger BürgerInnen verschiedenen, sogenannten Factories zugelost, um über stadtpolitische Themen zu debattieren. Die dabei entstandenen Forderungen wurden anschließend an Lokalpolitiker übergeben und mit ihnen diskutiert. Der zweite Teil von Staging Democracy ist das Theaterstück, von dem ich hier berichten will. Es vereint sowohl die Erfahrungen aus dem ersten Teil als auch allgemeine Betrachtungen zur Demokratie und zum in den Factories ausgetesteten Losverfahren.

Casting
Mitte März werden alle Interessenten zu einem Casting geladen: Lauter fremde Menschen und alle noch recht schüchtern. Manche kennen sich von den Factories, manche von anderen Projekten, andere sind ganz neu.
Wir starten mit Bewegungsübungen: Durch den Raum laufen, mal schnell, mal langsam, immer zielgerichtet. Den Raum wahrnehmen. Die anderen wahrnehmen. Auftreten, etwas sagen, abgehen. Sich nach bestimmten Regeln positionieren.
Das künstlerische Team guckt zu. Was mögen die jetzt denken? Seltsame Fragen drängen sich mir auf: Laufe ich richtig? Falle ich aus der Reihe? Ist das gut? Wo muss ich hingucken? Soll ich mich benehmen oder lieber auf mich aufmerksam machen?

Antworten gibts natürlich keine. Aber Stimmtraining. Zum Warmwerden atmen wir zuerst ganz lange, schlenkern mit den Armen und machen komische Geräusche. Dann Arbeit am Text und wieder die Fragen: Mach ich das richtig? Wie muss das sein? Stell ich mich eigentlich sehr blöd an?
Auch keine Antworten. Aber am Schluss ein Zettel, bei dem ich meine Verfügbarkeiten eintragen soll. Und ein paar Tage später die Mail, dass ich beim Projekt mitmachen darf. Juhu!

Die Gruppe
Am Ende sind wir 21 Leute: ein bunt gemischter Haufen von jung bis alt. Manche sind wegen der Politik hier, andere wegen des Theaters, viele wegen beidem. Manche mit mehr, andere mit weniger Erfahrung, aber alle mit großer Neugier. Wie bitte bringt man die Demokratie auf die Bühne? Wir sind natürlich auch neugierig auf unsere Mitspieler und auf das Regieteam: mit diesen Leuten soll ich jetzt drei Monate abhängen? Kann ich die überhaupt leiden? Sind die nett zu mir? Hilft alles nix, muss ausprobiert werden.

Stimmtraining
Die ersten Proben – immer drei Stunden am Mittwochabend – sind vor allem fürs Trainieren unserer Stimmen reserviert. Marc Aisenbrey, Sprechtrainer und Dozent an der Theaterakademie, erweist uns mit stets strahlendem Lächeln die Ehre. Wie schon beim Casting atmen wir erstmal ganz viel. Hierhin und dorthin und tief und flach und in Bewegung oder in Starre. Wir bringen den Körper in Form: Lockerer Stand, bisschen schwingend in den Knien, Schultern locker, Brust geöffnet. Wir üben verschiedene Tonlagen. Manch einer ist plötzlich sehr erstaunt über den flugs entfalteten und ungeahnten Umfang des eigenen Sprechorgans. Danach geht´s an die Sprechchöre: Gemeinsame Impulse finden, anatmen, genau artikulieren, damit man trotz Masse jedes einzelne Wort verstehen kann. Flüstern, zischen, rufen, empören. Haltungen finden. Verstehen, was man da eigentlich sagen will. Ausprobieren. Meinen. Senden. Spüren.

Ihr müsst das ganz schlank sprechen!
Marcs Lieblingstipp

Proben
Den größten Teil in einem Stück macht aber natürlich die Regie. Ron Zimmering ist erfahren in der Theaterarbeit sowohl mit Profis als auch mit Laien und steht nun hier vor uns, sehr vital und mit einer Engelsgeduld. Drei Phasen der Arbeit beschreibt er uns immer wieder: Sammlung, Verdichtung, Finale.
In der Sammelphase machen wir ungefähr alles. Wir probieren verschiedene Bewegungsmuster. Wir üben, aufeinander zu achten und gemeinsam zu agieren. Wir basteln an einzelnen Inszenierungsideen. Wir diskutieren. Wir improvisieren. Wir schreiben Gedanken auf. Wir lernen uns kennen.
Jede Idee wird aufgenommen und in die große Inszenierungsmaschine geworfen. Ein paar Wochen später präsentiert uns Ron einen ersten Stückverlauf. Wir Spieler beginnen nun zu begreifen, wofür das ganze Herumgeteste gut war: Verdichtungsphase! Ab jetzt werden Abläufe geprobt. Und Abläufe haben’s in sich, weil sie nochmal alles bisher gemachte auf die Probe stellen.

Außenwirkung
Bevor wir aber überhaupt ahnen, was das für ein Stück werden wird, müssen wir schon Werbung machen. Gleich zu Beginn ist ein Fotograf da. Wir posen mit lustigen Schafsmasken und vertrauen den Menschen, die sich dabei was gedacht haben. Die Fotos werden toll. Aber im fertigen Stück gibt´s keine Schafe mehr.

Shooting mit Schafen (c)franzjakk

Nach einigen Wochen steht die erste Kostümprobe an. Wieder Leute, die sich was gedacht haben und wieder wir Spieler, die die Pläne an sich austesten lassen. Skepsis macht sich breit: Sehe ich überhaupt gut aus in diesem Kostüm? Sowas trag ich sonst nie. Wie bewegt man sich damit? Bin das überhaupt noch ich?

Irgendwann habe ich die wertvolle Erkenntnis, dass es sehr schön ist, die Verantwortung abzugeben und jemand anders zu werden. Gegen Ende der Probenzeit freue ich mich jedes Mal darauf, meine Privatklamotten abzulegen und mich in mein kleines Theaterselbst hineinzubegeben, in eine Figur, die Regie und Kostüm über die Wochen geformt haben. Die wissen schon, was sie da tun. Und mir kann´s super egal sein, wie ich aussehe, solang die Regie nicht meckert. Yeah.

Erste Kostümprobe (c)franzjakk

Ego
Bei Bürgerbühnenprojekten sind meist alle irgendwie gleichberechtigt und haben in etwa gleich viel (oder wenig) Text. Unsere Stärke ist die Gruppe, sagt Ron immer wieder. Dennoch freut sich mensch natürlich, wenn er ein bisschen im Fokus steht. Wenn er was machen darf. Aber im Theater geht´s um die Gesamtwirkung. Und der müssen immer wieder kleine Dinge zum Opfer fallen. Meine vier Extra-Sätze zum Beispiel. Die konnte ich zwar von Anfang an nicht leiden, aber wahrscheinlich hänge ich deswegen besonders an ihnen, weil sie mich so schön ärgern. Wochenlang also schlage ich mich mit ihnen herum. Und in einer neuen Textfassung kommen sie dann plötzlich nicht mehr vor. Als Vollprofi weiß ich natürlich, dass das am großen Ganzen liegt. Die Szene war zu lang, zu zäh, da musste was raus. Na und? Es waren meine Sätze. Ich ärgere mich. Mein Ego meckert. Was, wenn sie gestrichen wurden, weil ich zu doof war, die Sätze richtig zu sagen?
Wir haben dich alle sehr sehr lieb, auch ohne die vier Sätze“ wünscht sich das Ego zu hören. Sagt natürlich keiner. Im Theater musst du bescheiden sein, zum Wohle der Gemeinschaft.

Energiepegel
Unsere reguläre Probenzeit ist für mich eigentlich unendlich grausam, denn Mittwoch ist mein persönlicher energetischer Wochenabgrund. Der Arbeitstag sitzt in den Knochen. Jedes Mal nehme ich mir vor, wach und ausgeschlafen bei der Probe zu erscheinen und fast jedes Mal scheitere ich. Lösung: aufputschendes Zuckerzeugs und das Vertrauen aufs Theateradrenalin. Irgendwie geht das dann immer.

Amüsant ist mitunter die Diskrepanz zwischen künstlerischem Team und uns Spielern. Wir kommen ja auch, um nette Menschen kennenzulernen, Spaß zu haben, mal was anderes zu machen. Das künstlerische Team ist beruflich hier und will zielgerichtet arbeiten. Das ist nicht immer einfach zu vereinbaren. Wir Spieler müssen uns darin zügeln, immer gleich alles besprechen und kommentieren zu wollen und das Regieteam muss sich manchmal in Geduld üben. Irgendwie pegelt sich das alles ein.

Probe, mal woanders. (c)franzjakk

Endspurt
Eineinhalb Wochen vor der Premiere ist es dann so weit: „Ab jetzt sind wir im Tunnel“ sagt Ron mit einem breiten Grinsen und ganz leichter Hektik in den Augen. Wir haben volles Programm: Zwei Ganztagsproben, bei denen wir uns minutiös die Stückabläufe angucken und an ihnen herumfeilen. Wenn einer was vergisst oder irgendwas nicht funktioniert, muss alles nochmal gemacht werden, damit es sich in die Hirne einbrennt. Anfangs denkt man ja: Wie bitte soll ich mir ein ganzes Stück merken? Und dann läuft´s doch von alleine. Während der Proben geht es in den Körper über. Es folgt die AmA, „Alles mit Allem“ heißt das, ein erster, „richtiger“ Ablauf, bei dem überprüft wird, ob das alles wirklich funktioniert. Möglich, dass danach nochmal eine Krise ausbricht. Bei uns läuft´s zum Glück halbwegs. Es folgt die erste Hauptprobe. Am nächsten Abend die zweite. Danach die Generalprobe und dann … die Kritik. Jeden Abend sitzen wir ausgepowert zusammen und hören uns an, was wir noch zu arbeiten haben. Das zieht sich, weil immer wieder Diskussionen entstehen. Weil man sich in Gedanken verheddert. Und weil´s einfach viel zu besprechen gibt im Theater.

Weiß ich jetzt auch nicht …

Vielleicht kann ich das nochmal irgendwann klarer definieren …

Ich werde da jetzt knallhart reingehen …

Ich werde gnadenlos ….

– Regiezitate

Staging Democracy. (c)G2Baraniak

Wir werden uns jetzt bald alle ganz furchtbar auf die Nerven gehen“ sagt Ron zu Beginn der Endproben. Und es stimmt, wir gehen uns auf die Nerven. Gleichzeitig haben wir uns aber auch alle ganz lieb. Durch das intensive Zusammensein ergibt sich ein enges Miteinander und jeder findet seine Pappenheimer. Wir passen ein bisschen aufeinander auf und nach den Proben landen wir oft noch bei einem Getränk, um endlich mal über alles reden zu können. Das entzieht natürlich auch nochmal Schlaf. Aber Schlafen kann ich nach Proben sowieso nicht. Da wirbelt zu viel durch den Kopf. Am nächsten Tag dann trotzdem zur Alltagsarbeit. Und Abends wieder zur Probe. Mein Konsum von aufputschendem Zuckerzeugs nimmt zu. Mein Adrenalin-Endorphin-Spiegel aber auch. Endproben sind eine herrliche Zeit.

Demokratia auf Händen. (c)G2Baraniak

Premiere
Und plötzlich ist sie da – die Premiere! Wie die Irren wuseln wir durch die Garderoben, werfen uns in unsere Kostüme und verteilen ToiToiToi-Geschenke. Ein paar Szenen werden nochmal wiederholt und „geputzt“, es gibt Ansprachen und Ermutigungen und dann beginnt das große Warten.
Trotz der Premierenaufregung müssen wir uns still gedulden. Durch die Milchglastür sehen wir, wie sich das Foyer füllt, das Geraune und Gemurmel nimmt zu und als es dann so weit ist und das Kommando zum Einlass kommt, spielen wir wie eh und je unser Stück. Nur eben mit Publikum. Das macht die Inszenierung und uns ganz neu. Erst jetzt bekommen wir so richtig mit, wie das funktioniert, an welchen Stellen wir das Publikum „kriegen“ und an welchen wir uns besonders reinwerfen müssen. Wir verstehen einmal besser, warum wir das alles machen. Wow! Und nach der Premiere folgt bekanntlich die Premierenfeier …

Wo sind wir denn hier bitte gelandet? (c)G2Baraniak

Danach
Was alles in so einer Produktion drinsteckt und wie viele Menschen daran teilhaben, kann man gar nicht beschreiben. Es wäre zu viel. Das Schönste ist, es zu erleben, dabei zu sein, das Kribbeln und die Aufregung zu spüren. Vielleicht ist das die geheimnisvolle Theatermagie.

Wir SpielerInnen müssen uns demnächst wieder mit unserem normalen Alltag auseinandersetzen. Wie schwer das fällt, merke ich an der Mail- und SMS-Flut, die mich in den Tagen nach der Premiere erreicht. Alle hängen in Gedanken bei Staging Democracy und freuen sich auf die nächsten Vorstellungen, wenn endlich wieder alles wie immer ist. Und auch alles immer wieder ein bisschen neu.


»Staging Democracy – Das Stück
Regie: Ron Zimmering
Künstlerische Leitung und Textfassung: Dagrun Hintze | Bühne: Ute Radler | Kostüm: Benjamin Burgunder | Dramaturgie: Alida Breitag | Chorleitung: Marc Aisenbrey | Lichtdesign: Sönke C. Herm | Regieassistenz: Julia Herrgesell | Kostümassistenz: Johanna Winkler | Kostümhospitanz: Saskia Martinjas
Es spielen: Peter Czikowski, Petra Demmin, Isabella Dieterich, Martin Elbl, Doris de Feyter, Thomas Geiger, Ulf Haase, Franziska Jakobi, Ahmad Kadri, Minú Köchermann, Schima Köchermann, Frank Krohn, Paul-Louis Lelièvre, Ulla Liedtke, Stefan Moos, Monika Reinboth, Martin Schellhorn, Imme Stolzenburg, Hannelore Tennigkeit-Cordshagen, Stefanie Wodrig, Bettina Zeuch

Weitere Vorstellungen: 21., 23. Juni, 20:15Uhr,  24. Juni 19 Uhr, LICHTHOF Theater Hamburg

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