schauspielerIn sein!
mitgemacht: kopf weg, körper her! vier wochen schauspielschule.

SchauspielerIn sein! Was hatte man da nicht für Bilder im Kopf, damals, als man den Schauspielerberuf als fernen Karrierewunsch ins Poesiealbun eintrug: Einmal entdeckt geht es sogleich auf die roten Teppiche dieser Welt – jubelnde Massen, finanziell ausgesorgt, endlich die Anerkennung, die einem gebührt, Talente, Kreativität und Schönheit der Welt entgegen werfen, den Menschen Lachen ins Gesicht und Liebe ins Herz zaubern, kurz: die Welt retten. Oder so.

banner schauspielerin sein final Aber … wie funktioniert das denn eigentlich alles? Wo und wie lernt man das, wie kommt man an eine Schauspielschule und wie geht es dann weiter? Welches Gefühl hat man, wenn man auf der Bühne steht, irgendwelchen Text aufsagt vor irgendwelchen Leuten? Wie geht das – schauspielern? Und wann kommt endlich dieser rote Teppich??

In der Reihe SchauspielerIn sein! Wollen wir derlei Fragen auf den Grund gehen und starten gleich mit einem Selbstversuch: An der Schule für Schauspiel Hamburg haben wir einen vierwöchigen Schauspielworkshop besucht. Und was wir da erlebt haben, das lest ihr hier.

 

Ankommen

Die Bühne ist für alle da! Theaterbegeisterte können innerhalb von 4 Wochen ausprobieren, wie es ist, auf der Bühne zu stehen, in verschiedene Rollen zu schlüpfen und einfach mal jemand anders zu sein. Nach einer spielerischen Einführung erarbeiten Sie u.a. kleine Szenen und entdecken in Partnerimprovisationen und Theaterübungen Ihre Ausdruckskraft und Phantasie.

So liest sich der Workshop auf der Website der Schule und angenehm aufgeregt bin ich, als ich zum für mich ersten Treffen gehe – insgesamt ist es aber schon das zweite von vieren – einen Monat lang einmal pro Woche jeweils zwei Stunden schauspielern. Schaaaaauuuspielern! Ob wir da einen Text bekommen, uns fröhlich irgendwo hinstellen und gestikulieren sollen? Ich werde sehen. Die anderen sechs Teilnehmer – Bankangestellte, Büroarbeiter, Student, Mutter, Psychologin, Schauspielschulanwärterin – wissen da schon mehr und erzählen sich lustige Anekdötchen vom letzten Mal, in unserem kleinen Probesaal im Hinterhof der Oelkersallee in Hamburg-Altona.

Als Neuankömmling herzlich begrüßt werde ich von Strahlefrau Christiane Leuchtmann, ihrerseits Schauspielerin und Wirbelwind vor dem Herrn. Parallel zu ihrer Tätigkeit auf der Bühne und beim Fernsehen leitet sie hier diese Workshops, weil, wie sie mir später erzählt, es so schön sei, über den Tellerrand zu schauen, die eigenen Erfahrungen weiterzugeben und auch mal den Standpunkt zu wechseln. „Solange das geht, dass ich mehrere Gleise befahren darf, bin ich glücklich und zufrieden.“ sagt sie mir und das scheint zu funktionieren, sonst wäre sie hier wohl nicht so energetisch unterwegs.

Übungen

So, jetzt aber mal losgelegt, wo ist mein Text? Nee, nix Text, natürlich nicht, denn da sind andere Sachen erst einmal viel wichtiger. Stimm- und Atemübungen machen wir. Bewegungs- und Aufmerksamkeitsspiele: Was kann so ein feiner Körper eigentlich alles? Wie geschärft sind meine Sinne im Bezug auf mich, im Bezug auf andere? Wo sitzt meine Stimme? Wie atme ich? Spüre ich mich, spüre ich den anderen? Nehme ich Impulse wahr, kann ich sie nutzen und Ideen aus ihnen entwickeln? Freilich reißen wir all das nur an, denn die Zeit ist begrenzt und die zwei Wochenstunden jedes Mal rasend schnell vergangen.

Meistens improvisieren wir kleine Szenen und haben einfach große Freude am Miteinander, am Spiel und am Ausprobieren. Was wir da nicht alles erleben! Nur mit unseren Stimmen basteln wir uns einen Frühlingsmorgen, einen Dschungel, einen Bauernhof. Dann hängen wir – von gelangweilt über wütend bis leidenschaftlich – pantomimisch Wäsche auf; später sitzen wir alle zusammen in einem überladenen Heißluftballon und müssen uns gegenseitig in den mehr oder weniger Freitod argumentieren um wenigstens einen Teil der Besatzung zu retten, danach zappt sich einer durchs Fernsehprogramm, während zwei andere es ihm vorspielen (bunte Mischung aus Eurovision Song Contest, KiKa, Tagesschau, diversen Reality- und Castingformaten, AstroTV und was das moderne Fernsehprogramm noch so hergibt). Und, noch nebenbei erforscht: wie spielt man eigentlich eine eklige Romanze? Eine nervöse Dokumentation? Einen traurigen Horrorstreifen? Alles gar nicht so einfach und herrlich lustig.

Erkenntnisse

Schnell stelle ich fest, dass dieses auf der Bühne oder im Fokus stehen ein sehr anderes Gefühl hervorruft, als das bequeme Zuschauen, denn in meiner ersten Improszene fühle ich mich auf einmal sehr hilflos: Alle gucken und ich muss liefern, wie mach ich das? Und wenn ich dann was mache, ist das gut genug? Erzähle ich nur Müll oder finden die anderen das passend? Wie sehe ich eigentlich aus dabei? Da will man witzig sein und coole Ideen haben, insgesamt – den Erwartungen genügen, sie womöglich übertreffen. Aber welche Erwartungen eigentlich? Sind das womöglich nur meine eigenen? Schließlich sind wir hier in einem geschützten Raum, in dem es im Grunde um nichts geht außer dem Spaß an der Freude und auch Christiane möchte für diesen Workshop ein Miteinander ohne Druck. Sie will nicht bewerten und Noten vergeben. Leiterin des Workshops zu sein bedeutet für sie viel mehr: zuzuschauen, zu beobachten, Impulse zu geben und deswegen hat sie auch kein Problem damit, „sich einfach mal wegzuschmeißen, wenn es so mitreißt“ – und das tut sie oft und gern.

Und trotzdem: auf der Bühne geht der Atem schneller, da ist Adrenalin im Körper. Man hat ein großes Bedürfnis nach Rückmeldung, fragt sich, was der andere so denkt und wie man sich so macht. Man kommt sich bei vielen Übungen näher und weiß, so als „Normalmensch“, nicht, ob man das darf. Man stolpert über Hemmungen und Unsicherheiten und stellt fest, wie furchtbar verkopft und verkrampft einen der vermeintliche Alltag so macht.

Was ich immer schön finde, Laie hin oder her – wenn da ein richtiger Spaß ist. Wenn ich merke, dass da jemand richtig aufgeht, alles über Bord wirft, und aus der Spielfreude heraus einfach loslegt und macht. Ich finde es toll, wenn Menschen sich auf dieser Ebene begegnen, sich öffnen, sich frei fühlen.

Und das tun wir! Einmal angekommen, entwickeln wir immer mehr Spielfreude in diesem gesetz- und grenzenlosen Raum. Jeder freut sich auf diesen einen Abend in der Woche, an dem alles „draußen“ einfach weg ist. An dem man ganz bei sich und bei der Gruppe ist, bei Körper und bei Seele. Und wie gesund und schön ist es, sich mit sich, also sich wirklich mit dem Selbst, zu beschäftigen. Man merkt das. Wir spielen uns frei. Und wir werden aufmerksam und konzentriert. Irgendwann fällt mir auf, dass ich mir immer nervös an den Klamotten herumzuppele oder das Gesicht verziehe, wenn ich denke, etwas falsch gemacht zu haben. Wie blöd das ist! Nichts macht man hier falsch, alles ist ganz richtig. Spiel heißt: Behaupten. Richtig finden, was man tut. Neugier. Entdecken. Anbieten. Unsicherheiten über Bord werfen. Eben einfach sein, irgendwie.

SchauspielerInnen werden wir dabei natürlich nicht gleich, denn zu diesem Beruf gehört doch noch wesentlich mehr als wir in unserem kleinen Workshop hier erahnen können. Zum Glück ist das aber auch nicht der Anspruch, denn viele kommen einfach nur hierher, um sich auszuprobieren oder einen Ausgleich zur Arbeit zu haben. Christiane Leuchtmann guckt dabei bei jeder Gruppe und bei jedem Treffen neu, was sie machen kann. Wie ist die Stimmung? Was brauchen die Leute heute? Und – was ist mit dieser Gruppe schon möglich? Aus einem Repertoire von Spielen und Übungen stellt sie so spontan den Abend zusammen. Hier zieht sie auch wieder Parallelen zu ihrem Beruf, denn auch da muss und will sie jeden Abend neu entdecken – schließlich unterscheiden sich mit immer anderem Publikum auch die Ansprüche, Möglichkeiten und Reaktionen im Raum. Sie strahlt uns also an, fragt wie es geht und was wir wollen; dann rattert es kurz in ihrem Kopf, und die nächste Idee ist da. Man fühlt sich wohl.

Ende

Beim letzten Treffen gibt es Abschiedsschmerz. In so kurzer Zeit sind wir uns schon verhältnismäßig nah gerückt, denn dieses Spielen schafft eine andere Nähe, als man sie sonst so kennt, weil man von Anfang an auf den anderen achten, ihm im Spiel vertrauen und etwas miteinander machen muss.

Theaterabschiede sind immer fies, und um den unsrigen noch ein wenig hinauszuzögern, gehen wir in die nächste Kneipe und begießen unsere kleine feine Gruppe, sprechen über unsere Leben neben der Spielerei, über die lustigsten Szenen der letzten Wochen, über Adrenalin auf der Bühne und wie es jetzt weitergeht. Ganz unterschiedliche Menschen sind hier zusammen gekommen – im sogenannten wahren Leben hätten wir uns mit unseren unterschiedlichen Kontexten wohl schwerlich kennengelernt.

Wenn Menschen rausgehen, in gewisser Weise eine Befreiung empfinden, sich frei und leicht fühlen und sich sagen: ja, ich möchte ein bisschen mehr für mich selbst tun, das hat Spaß gemacht. Wenn sie Anreize bekommen haben für ihre eigene Kreativität – wie auch immer sie das dann nutzen, aber einfach diese Energie und Spaß und Lust, Dinge und sich selber zu entdecken: wenn ich das irgendwie angefacht hab, dann bin ich sehr zufrieden.

Und zufrieden kann sie sein, die Christiane. Spiel verbindet – und wir sehen uns alle irgendwann wieder – auf dem roten Teppich. Vermutet zumindest einer von uns. Die Daumen sind gedrückt.


Weiterlesen: Das gesamte Angebot auf der Seite der »Schule für Schauspiel Hamburg und was Christiane Leuchtmann neben Workshops leiten so macht, auf der Seite von »Leuchtmann & Korff