reingeschaut: subtext! nachwuchsautoren am schauspielhaus

BACKSTAGE – Jugendtheaterfestival – prangt derzeit in großen Lettern am Deutschen SchauSpielHaus und kündigt die Veranstaltungsreihe an, in der sich unter dem Motto „kopfüber“ die insgesamt sieben Theaterclubs des Hauses, geführt unter dem Label BACKSTAGE, demnächst mit ihren Arbeiten präsentieren werden. Neben den verschiedenen Spielgruppen (dreimal Schüler, zweimal Studis, einmal Lehrer) gibt es da auch die kleine feine Schreibwerkstatt, in der sich junge schreibende Menschen gemeinsam mit dem vielfach ausgezeichneten Theaterautor Carsten Brandau an ihre Texte gesetzt, daran geschrieben und darüber diskutiert haben. Wir hatten die Ehre, die Schreiberlinge wirklich mal BACKSTAGE zu erleben und bei einem Treffen dabei zu sein.

Die Schreibwerkstatt unter der Leitung von Carsten Brandau, heute mal im Ballettsaal.

Die Schreibwerkstatt unter der Leitung von Carsten Brandau, heute mal im Ballettsaal.

Am Bühneneingang holt mich Luis, einer der jungen Autoren, ab und führt mich sicher durch die für Theater so üblichen labyrinthischen Gänge bis hoch in den Ballettsaal, denn da wird heute geprobt. Kommenden Freitag wird das Festival eröffnet, ein paar Tage später darf die Schreibwerkstatt ihre Texte vorstellen.

Noch wirkt aber alles recht entspannt: Linn, ebenso Nachwuchsautorin, liest gerade ihren Text vor, in dem es um nichts weniger als den Sinn des Lebens geht – was für ein Einstieg für mich an diesem warmen Sonntagnachmittag! Danach beginnt die Diskussion: Kann man Texte über den Sinn des Lebens überhaupt schreiben, und dann noch in so jungen Jahren? Wie muss oder kann so etwas aussehen? Will man als Autor Antworten geben oder soll der zukünftige Zuschauer nicht doch lieber selbst nach diesen suchen? Sowohl die Gruppe als auch Leiter Carsten Brandau geben Impulse, Ideen und teilen ihre Gedanken und Gefühle bezüglich Linns Text mit. „Alles, was ich sonst schreibe, stiftet Verwirrung“, sagt sie, und dann: „Das wollte ich mal ändern.“ Deswegen gibt sie in diesem Text eben mal besagte Antworten. Aber worum geht es dabei? Will sie nur Ideen transportieren und dafür die Figuren benutzen, oder haben die Figuren eine selbständige Persönlichkeit?

„Träger von Sinnsätzen müssen rausgeworfen werden, die gehören nicht auf die Bühne“ sagt Carsten, „du hattest da kurz ein Spielelement, deine Figuren wollten Tee trinken, und dann war das wieder weg … da muss aber Spiel rein!“. Die Gruppe beteiligt sich rege und hinter Linns Stirn sehe ich die Gedanken wirbeln. „Was willst du jetzt machen mit dem Text?“ fragt Carsten später, Linn meint zögerlich: „Über Bord werfen oder umschreiben…“ und Yannick, auch Schreiberling, raunt ihr mit großen Augen zu: „Uuuumschreiben!!“

DSC_0084

Mehr Handlung! Mitschriften aus der Probenarbeit.

Eine gute Atmosphäre ist das hier, ein schönes, interessiertes Miteinander. Wache Köpfe, kluge Gedanken und eine feine Ideenvielfalt, wie das so sein muss im Theater. Und – ach ja – Theater! Die Zeit wird knapp bis zur Vorstellung in einer Woche, deswegen muss auch über die jetzt ein bisschen nachgedacht werden: Carsten erklärt die Bühnensituation und anschließend wird besprochen, wer wessen Text wie lesen wird. „Es gibt immer eine Haltung, die den Text erblühen lässt“ sagt er und diese Haltung gilt es nun, zu finden.

Währenddessen darf ich mir zwei aus der Gruppe schnappen, Helena und Yannick, damit sie mir ein bisschen von der Arbeit hier erzählen können. Beide haben anfangs gedacht, dass bei den gemeinsamen Treffen, die seit Januar ungefähr einmal monatlich stattfanden, viel geschrieben werden würde. Aber so war es gar nicht – vielmehr hat jeder seine Texte mitgebracht, um sie der Gruppe vorzustellen und sie zu diskutieren, ähnlich, wie ich es heute schon erlebt habe.

Yannick zum Beispiel hat schon ein Theaterstück geschrieben, welches er weiter ausbauen wollte, Helena hat in dieser Zeit eines entwickelt. Beide schätzen es sehr, Rückmeldung aus der Gruppe zu bekommen, denn das gibt Impulse und Ideen, auf die man für sich allein nicht kommen würde. Man selbst kennt seinen Text in- und auswendig, aber die Leute hier gucken ganz frisch drauf, wie ein echtes Publikum eben – das ist viel wert. Manchmal ist es dabei gar nicht so einfach, das ganze Feedback zu ordnen, „da muss man dann auch lernen, einfach mal zu sagen und bei seinem Ding zu bleiben“ meint Helena.

Nachwuchsautoren: Yannick und Helena im Schauspiel-Treppenhaus.

Nachwuchsautoren: Yannick und Helena im Schauspiel-Treppenhaus.

Großes Thema war immer der Subtext, und das ist in der Tat ein Begriff, den ich heute schon sehr oft gehört habe. Welche Botschaft kann unter einer ganz banalen Aussage liegen? Muss ich alles hundertprozentig klar aussprechen oder kann ich Wege finden, das indirekt zu transportieren? Viele Dinge müssen gar nicht gesagt werden, die schwingen automatisch mit und – ganz wichtig – Theatertext braucht Raum. Die Figur muss noch leben können und nicht am Text ersticken. Für Schauspieler, Regie und schließlich Publikum soll noch Platz für eigene Vorstellungen bleiben. Helena und Yannick überschlagen sich förmlich in ihrem Eifer, mir von den letzten Monaten zu erzählen – aus ihnen sprechen Faszination und Freude, wenn sie von den Gedanken und Prozessen erzählen, die in der Schreibwerkstatt angeregt wurden.

Carsten Brandau gab in dieser Zeit nicht den Oberguru, der hier mal eben das Schreiben lehrt – vielmehr hat er einfach immer wieder Dinge benannt und beschrieben und mit seinem Background als gestandener Theaterautor sehr wertvolle Sichtweisen eingebracht – „aber nie vorgefertigte Tatsachen, sondern immer etwas Elastisches, bei dem wir noch formen konnten. Immer freundliche, konstruktive Kritik.“ erklärt mir Yannick lebhaft. Manchmal hätte er aber auch ganz klar gesagt, ob ein Text funktioniere oder nicht. Auch das war wichtig.

Sowohl Helena als auch Yannick hoffen, dass es mit dieser Gruppe auch nach dem BACKSTAGE-Festival unbedingt weitergeht. Es sei toll, so unterschiedliche Texte von so unterschiedlichen Menschen zu hören und darüber ins Gespräch zu kommen. Eine vermeintliche Konkurrenz sei hierbei gar nicht möglich, weil jeder komplett andere Sachen mache. Die Schreibwerkstatt sei  eine durchweg bereichernde Gruppe mit einem sehr konstruktivem Miteinander.

Jetzt gibt’s kommenden Montag aber erst einmal die Präsentation im Malersaal des Schauspielhauses. „Nehmt das nicht zu leicht, dass ihr da vor Publikum steht! Ihr müsst alle Lampenfieber haben und kurz vor dem Kreislaufkollaps stehen, das ist gut!“ sagt Carsten. Ja, auch eine Lesung will gut inszeniert sein!

Und während ich meine Sachen packe, werden Inszenierungsideen besprochen und Abläufe geprobt. So langsam kommt dann doch Aufregung in die Gruppe. „Carsten sitzt schon auf der Bühne und wir kommen wie immer zu spät!“ wirft Paul lachend ein und ob diese Idee aufgenommen wird, werden wir am 13. Juni im Malersaal herausfinden. Wir sind gespannt!


» BACKSTAGE-Jugendtheaterfestival im Deutschen SchauSpielHaus
10.-17. Juni, MalerSaal, unter anderem mit

» „Nachwuchs.texte“: Schreibwerkstatt.
Leitung: Carsten Brandau
Mit Texten von: Linn Abel, Judith Bethke, Niklas Braun, Luis Dekant, Nele Hugk, Sean Keller, Laura-Solmaz Litschel, Theresa Möller, Yannick Reimers, Helena Sattler, Paul Schindler, Pauline Taschinski, Zlata Vodanovic
13. Juni 2016, 19 Uhr, MalerSaal