reingeschaut: die sticky trace company tanzt sich zur basis des mensch-seins

Morgens zehn Uhr im Foyer des Lichthof-Theaters: Klamotten und Taschen liegen kreuz und quer herum, der Kaffee kocht, ein paar Menschen wuseln umher. Im Bühnenraum wärmen sich die Tänzerinnen der Sticky Trace Company auf, die sich gerade in den letzten Proben vor der Hamburg-Premiere ihrer Tanztheater-Produktion Participating befindet. „Hier sein heißt teilnehmen, hier sein heißt mitmachen. So oder so.“ ist ein Satz, mit dem Uta Engel, Choreographin und künstlerische Leiterin der Company, begonnen hat, an der Produktion zu arbeiten. Wir dürfen dabei sein und ein bisschen am Endprobenfieber teilhaben.

Uta stellt mich kurz ihren Tänzerinnen vor, die mir allesamt freundlich aus dem Spagat heraus zulächeln, dann setzen wir uns ins Foyer, bevor „nochmal an den Szenen geputzt wird“. Ich bin gespannt.

Die Sticky Trace Company besteht seit 2009 und beschäftigt sich seitdem in verschiedenen Produktionen mit „Nuancen des Menschseins und der Vergegenwärtigung von Existenzen“, wie mir Uta beschreibt. Es geht darum, emotionale Zustände als eine Form kollektiven Wissens zu sammeln und zu verbildlichen, nicht in Form einer Erzählung, sondern ganz nah dran an der Basis des menschlichen Erlebens. Klingt erstmal kompliziert, ist aber gar nicht so schwer zu verstehen: Man stelle sich die Situation eines Erfahrungsaustauschs vor. Man hört einander zu, versucht zu verstehen und früher oder später kommt der Moment, in dem man glaubt zu begreifen, wovon der andere spricht und der erleichterte Ausruf: „Jaa, ich weiß was du meinst…!“. Und diesem gemeinsamen Etwas, welches dann trotzdem keiner konkret zu beschreiben vermag, dem versucht sich Uta Engel mit ihrer Company anzunähern.

Bei Participating geht es um die Teilnahme am Leben, ohne vorher gefragt worden zu sein, ob man das überhaupt möchte. Man nimmt eben teil – so oder so. Und was heißt das für die Arbeit an der Produktion? Uta Engel hat ihre Tänzerinnen mit drei Begriffen konfrontiert, aus denen das Leben bestehen könnte: Suche, Optimierung und Recycling. Aus denen haben sich dann in der gemeinsamen Arbeit konkretere Begrifflichkeiten ergeben: Entschlossenheit und Hilflosigkeit, Unvollständigkeit und Hoffnung, Reue und Vergebung. Daraus wurden wiederum erste Bewegungsideen entwickelt, zum Beispiel mit der Frage: Wie kann man das Gefühl einer entschlossenen Suche körperlich ausdrücken? Die Ergebnisse wurden benannt, beschrieben und dokumentiert, um sie später wieder ausgraben zu können. Das waren die ersten vier Wochen, entwickelt wurden circa dreißig Ur-Ideen, aus denen dann für die schlussendliche Participating-Choreographie geschöpft wurde.

Die Uraufführung war bereits Ende Februar im Theater für Niedersachsen in Hildesheim, nun muss die Inszenierung an die kleine aber feine Studiobühne des Lichthof-Theaters angepasst werden, wo sie kommenden Donnerstag Premiere feiern wird. Eine tolle Aufgabe für Uta Engel, denn hier ist der Zuschauer so richtig nah dran an den Tänzerinnen – gefühlt mittendrin – und darum geht es ja: Ums dabei sein, um das kollektive Bewusstsein.

Endprobenfiebern im Lichthof-Theater und die reihesieben mittendrin, bzw. hinter der Kamera, juhu!

Endprobenfiebern im Lichthof-Theater und die reihesieben mittendrin (oder hinter der Kamera).

Die Sticky Trace Company will nicht jedem gefallen und es soll sie auch nicht jeder verstehen. Es geht um das auf-sich-wirken-lassen. „Besser ein Zuschauer geht raus und ist unfassbar genervt, weil es viel zu anstrengend war, als dass er sagt: Ach, das war ganz nett“ sagt Uta. „Trotzdem sollte Kunst keine elitäre Blase sein“. Man muss den Spagat schaffen, die monatelange Probenarbeit wieder zu komprimieren und jedem irgendwie gerecht zu werden – dem Stück, den Tänzerinnen, dem Publikum. Am Schluss sollen nicht nur schöne bunte Bilder rüberkommen, sondern Qualität. Verständlich muss es trotzdem bleiben. Nach der Hildesheim-Premiere hat die Company Post von ein paar Besuchern erhalten: Die wussten zwar nicht genau, was das eigentlich war, waren aber am Ende durchgeschwitzt und froh, so als hätten sie sich selbst in dieser seltsamen Welt bewegt. Genau dahin will Uta Engel mit ihren Tänzerinnen: In diese merkwürdige Welt, zu der der Mensch gern mal den Zugang verliert: zum Ursprünglichen, zur emotionalen Basis.

In der Stunde, in der ich dann noch mit in der Probe sitze, wird vorrangig „nochmal an den Szenen geputzt“. Während Uta noch Lichtkorrekturen macht, feilt Company Managerin Filine Volkmann mit dem Ensemble an feinsten Nuancen der Bewegungsabläufe. Die Luft flirrt und flimmert, die Tänzerinnen sind konzentriert, der Fotograf klickt mit der Kamera, und in einer kurzen für mich scheinbar recht fertigen Sequenz mit Musik vergesse ich für einen Moment, dass die Welt draußen ja noch weitergeht und meine Zeit hier leider begrenzt ist. Also raus aus der Selbstvergessenheit und ran an die Tasten, um diesen Text zu schreiben: Die Sticky Trace Company ist supersympathisch, spannend und energetisch, der Besuch ihrer Vorstellungen sei hiermit empfohlen – man darf gespannt sein! Toi, toi, toi für die Hamburg-Premiere!


»Participating – Tanztheater der Sticky Trace Company
Direktion und Choreografie: Uta Engel
Mit: Ane Iselin Brogeland, Filine Volkmann, Judith Hölscher, Kristina Krieger, Monique Smith Mc-Dowell, Nayeli Lopez, Rikke O Larsen, Sarah Mohr, Sina Rundel, Stacey Yuen
Hamburg-Premiere am 17.3., weitere Vorstellungen am 18., 19., 20.3., LICHTHOF Theater

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