geschichtsstunde mit sogwirkung – engel in amerika am thalia

Anwälte, Propheten, Mormonen, Engel, Homos und Heten, Mütter, Exekutierte, Republikaner, Präsidenten und Geistesgestörte; Valium, Morphium, AZT, ein bisschen Alkohol und ein paar Kippen; New York, Antarktis, die Welt und das Ozonloch; Politik, Religion, Weltende … Bastian Kraft inszeniert am Thalia Theater Tony Kushners
Pulitzer-Preisgekröntes „Engel in Amerika“.

Engel in Amerika © Foto- Krafft Angerer

Engel in Amerika ©  Krafft Angerer

Da gibt es die Beziehungskiste um den an AIDS erkrankten Prior (Kristof Van Boven) und seinem zwar sehr verliebten, aber überforderten und deshalb reißaus-nehmenden Partner Louis (Julian Greis). Dann ist da Joseph (Oliver Mallison), mormonisch-distanziert verheiratet mit Harper (Alicia Aumüller), angestellt bei Roy M. Cohn (Matthias Leja), dem minderheitenfeindlichen Staranwalt mit Beziehungen bis ins Weiße Haus. Der ist auch an AIDS erkrankt, lässt sich aber was anderes diagnostizieren, weil Homosexualität nur was für Schwache ist. Problemlösungskonzepte gibt es vielerlei: „Verklag irgendwen, das ist gut für die Seele“, sagt Cohn; Louis bändelt mit Joseph an; Harper, zutiefst verletzt, träumt sich valiumgetränkt in die Antarktis und Prior hat feuchte Träume mit Engeln (herrlich rotzig-lasziv: Marie Löcker; vielseitig und wunderbar lässig: Ernest Allan Hausmann), die ihn zum Propheten erheben.

Amerika und die Welt sind am Ende. Sollte Gott irgendwann zurück kommen, dann müsste er verklagt werden.

Das Bühnenbild von Peter Baur dominiert anfangs ein riesiges Rund: Zunächst als Leinwand genutzt, um die feine Mimik der Spieler auch bis zum hintersten Platz sichtbar zu machen oder um Bilder und Kapitelüberschriften zu zeigen, fängt es später als Spiegel mal das Geschehen auf der Bühne, mal den Zuschauerraum oder auch den Bühnenhimmel ein. Die Vielfalt der Perspektiven und die daraus entstehende Raumwirkung sind faszinierend: Der Welt, die als sich beständig drehender Globus auf der Bühne steht und sich oft auf die Leinwand und also ins Bewusstsein schleicht.

Engel in Amerika © Foto Krafft Angerer

Engel in Amerika ©  Krafft Angerer

Und auch wenn wir heute bessere Medikamente, andere Regierungen und neue Religionen haben, es bleiben doch immer dieselben Fragen: Wie orientieren wir uns in der Welt und wie gehen wir mit ihr um? Wie ist unser Verständnis von Beziehung, Verantwortung, Moral, Religion? Und wie kommen wir aus diesem ganzen Schlamassel wieder raus?

Bastian Krafts Inszenierung ist sowohl spannende Geschichtsstunde als auch aktuell wichtige Fragenstellerei. Die vergangene Zeit der 80er stellt genau die Distanz her, die es braucht, um nicht vom erhobenen Zeigefinger durchbohrt zu werden und sich trotzdem gemeint zu fühlen. Schöne Regieeinfälle, durchweg großartiges Spiel, tolle Ästhetik und gut gesetzte Musik bilden einen Abend, der begeistert und noch tagelang durch den Kopf schwirrt – Das Publikum dankt mit ausdauerndem Applaus und guter Laune.


» Engel in Amerika
Regie: Bastian Kraft.
Mit: Matthias Leja, Oliver Mallison, Alicia Aumüller, Julian Greis, Kristof Van Boven, Sandra Flubacher, Ernest Allan Hausmann, Marie Löcker
Nächste Vorstellungen am 29. Oktober, 18., 28. und 29. November, Thalia Theater Hamburg


Unsere frischgebackene Autorin franzjakk hat bis vor kurzem noch in Leipzig gelebt und die dortige Theaterwelt ergründet und bereichert. Aufgrund nötigem Tapetenwechsels und neuer Perspektiven wohnt sie nun aber in Hamburg und bleibt uns fortan über die Nordkurve verbunden. „Nicht nur über die Nordkurve, auch über jede Menge wärmste Gedanken und so!“ ruft sie, bevor sie mit ihrem Schiff den Lindenauer Hafen verlässt. „Und sag den Lesern, ich mach das hier zum ersten Mal, also sollen die mal nachsichtig mit mir sein!“ schallt es noch hinterher.

Was franzjakk neben Theatergeschichten schreiben noch so macht, könnt ihr auf ihrer Website erkunden: www.franzjakk.com