keine ahnung, der laden heißt „brain“

Noch 282 Tage bis zum Weltuntergang. Die Weltunter-Gang lagert in weißen Tennisoutfits am Rand des Geschehens und bereitet sich auf ihren großen Auftritt vor. Stampfen, zappeln, tanzen, coole Posen – ’ne richtige Gang eben. Es ist Zeit für Lena Bireschs „Gentrifiction“, uraufgeführt durch Helge Schmidt im Hamburger LICHTHOF Theater.

GENTRIFICTION © Jennifer Wjertzoch

GENTRIFICTION © Jennifer Wjertzoch

Aus der energetischen Zappelei der Gang, bestehend aus David Kosel, Robin Krakowski, Laura Uhlig und Maria Magdalena Wardzinska, wird ein Wortschwall der allerfeinsten Sorte. Das Ziel: Dekonstruieren, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die vier werfen mit wissenschaftlichen Begriffen nur so um sich, fröhlich vermischt mit Theaterzitaten, Sprichwörtern und anderen Wendungen und lassen die grauen Zellen ordentlich rotieren.

Worte wirbeln durch den Raum und vieles bleibt davon sogar  hängen – schleichen sich doch immer wieder Aussagen hinein, die trotz wissenschaftlicher Verpackung eigentlich zutiefst menschlich sind. Getragen und beflügelt werden diese Worte durch die vier großartigen Spieler, die sich mit Energie und viel Liebe zum Detail um Kopf und Kragen reden und den Zuschauer in den Bann ihrer ungemein sympathischen Figuren ziehen, sodass man kaum weiß, wen davon man am liebsten haben soll.

Jeder ist seines Glückes Auszubildender.

Noch 60 Tage, dann nur noch wenige Stunden … Eins, Zwei, Hinz und Kunz – die Charaktere, die sich aus der Weltunter-Gang lösen – ringen mit zunehmender Nähe zum Weltuntergang auch zunehmend um Lebenskonzepte und Weltanschauungen: „Wir sollten die Welt doch pflegen und nicht warten, bis wir sie verstanden haben“, „Des Pudels Kernspaltung ist noch nicht abgeschlossen“, „Makroskopisch betrachtet ist das doch nur ein Kataströphchen“ und „Ich scheiß auf das Universum“ sind dabei nur einige der Erkenntnisse. Die vier werden sensibler, bisher gültige Konzepte immer unwichtiger, einzig die Weltunter-Gang stampft fröhlich weiterhin den Weltuntergang herbei.

Die zauberhafte Klavier-Gitarren-Klarinetten-Musik von Frieder Hepting und die sanft hin- und her-schwingenden großen Luftballons aus dem Bühnenbild von Jennifer Wjertzoch geben dem Abend eine Zerbrechlichkeit, die Lena Bireschs turbulentes Feuerwerk der Worte fein kontrastiert.

„Ich möchte, dass es ein Abend wird, der amüsiert, an dem man lacht, der aber gleichzeitig auch Momente hat, in denen man spürt, dass es um mehr geht.“ lässt Regisseur Schmidt im LICHTHOF-Interview verlauten. Ziel erreicht. Gerne mehr davon.


» GENTRIFICTION – Tragikomödie von Lena Biresch
Regie: Helge Schmidt. Es spielen David Kosel, Robin Krakowski, Laura Uhlig und Maria Magdalena Wardzinska

Weitere Vorstellungen: 18., 29., 30. Oktober im LICHTHOF Theater Hamburg


Unsere frischgebackene Autorin franzjakk hat bis vor kurzem noch in Leipzig gelebt und die dortige Theaterwelt ergründet und bereichert. Aufgrund nötigem Tapetenwechsels und neuer Perspektiven wohnt sie nun aber in Hamburg und bleibt uns fortan über die Nordkurve verbunden. „Nicht nur über die Nordkurve, auch über jede Menge wärmste Gedanken und so!“ ruft sie, bevor sie mit ihrem Schiff den Lindenauer Hafen verlässt. „Und sag den Lesern, ich mach das hier zum ersten Mal, also sollen die mal nachsichtig mit mir sein!“ schallt es noch hinterher.

Was franzjakk neben Theatergeschichten schreiben noch so macht, könnt ihr auf ihrer Website erkunden: www.franzjakk.com