integration heute – performing back am lichthof theater

Kolonialismus ist ein prägender Bestandteil weißer Geschichte und die Weißen sollten ein Recht darauf haben, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen – findet Simone Dede Ayivi, Performerin und Regisseurin der „zukünftigen Erinnerungsperformance“ Performing back, gastierend am LICHTHOF Theater Hamburg.

Sie selbst ist, wie sie erzählt, als person of colour in einer „sehr weißen Gegend“ aufgewachsen, hat dann in Hildesheim studiert – „eine Uni, die ist sooo weiß – und spätestens dort herausgefunden, dass die Weißen bei Theater „so richtig abgehen“ – warum also kein niedrigschwelliges Kulturangebot für weiße Leute machen? Deswegen hat sie sich ein interkulturelles Team zusammengestellt, denn sie will ihr Theaterprojekt nicht nur für sondern auch mit weißen Menschen entwickeln – Kameraknöpfe drücken können die nämlich zum Beispiel super. So geht Integration!

Performing back (c) Renata Chueire

Performing back (c) Renata Chueire

In ihrer knapp 90minütigen Performance wechselt Ayivi zwischen verschiedenen Orten und Rollen hin und her – mal sammelt sie Begriffe auf einem (abgefilmten) Blatt Papier, dann zählt sie Jahreszahlen und Daten deutscher Kolonialgeschichte auf, später spricht sie vor einer Kamera von ihrer Motivation für dieses Projekt, dann lässt sie per Videoeinspieler andere Menschen (vorrangig of colour) zu Wort kommen. Videodokumentationen der kolonialen Spurensuche und der daran anknüpfenden Aktionen in Straßenzügen, an Denkmälern und in Stadtparks, unterfüttert mit Toneinspielern und einer beständig Styropor-Wände verschiebenden Ayivi, durchbrechen diese Erzählpassagen: Sie verändert Straßennamen, benennt mit Kreide Orte früherer Völkerschauen und sperrt Denkmäler ab – kommentiert von der in diesem Zusammenhang doch sehr schrägen Aussage eines Parkwächters: „Wer hat das erlaubt, dass Sie das so machen dürfen?“.

In den Interviews geht es um Widerstand, um Perspektivwechsel, um die Wahrnehmung der Welt aus schwarzer Perspektive. Auch Ayivi spricht immer wieder davon, dass sie als Angehörige der schwarzen Community die Welt anders sieht als die Weißen. Katharina Kellermann, die ihr an diesem Abend Musik und Sound kreiert, macht das zum Beispiel auf eine „sehr weiße Art“. Die Antwort darauf, was genau jetzt, abgesehen von der Kolonialgeschichte, nun die Unterschiede zwischen schwarzer und weißer Wahrnehmung sind, bleibt aus – der um Völkerverständigung bemühte Weiße im Publikum bleibt diesbezüglich mit Fragen zurück – soll er wahrscheinlich auch.

Gegen Ende der Performance werden Antworten gesucht: Wie wäre eine Welt ohne Rassismus? „Ich würde mich nicht mehr so oft aufregen“, „Ich würde mal nach Ostdeutschland fahren“ sind die Aussagen, wieder eingespielt per Ton und Video. Aber auch: „Wenn´s kein Rassismus gäbe, gäb´s was anderes“ und „Wenn das alles verschwindet – was machen wir dann morgen früh?“ wird gesagt.

Es bleibt: Viel Irritation. Ayivi lässt im Laufe ihrer Performance eine Menge Themen aufploppen, trifft Aussagen, die provozieren, herauslocken, neugierig machen. Der Abend lädt dazu ein, die weiße Sichtweise zu hinterfragen und sich mit Kolonialismus und allem was dazugehört auseinanderzusetzen. Ich selbst fühle mich nach dieser ganzen Unterscheidung von of colour und weiß sehr farblos. Lasst uns doch mal alle bunt sein! Eigentlich kann doch jeder Mensch ziemlich gut Knöpfe drücken. Da das aber bekannterweise nicht alle people so sehen, ist die Auseinandersetzung mit diesem Thema höchst empfehlenswert und somit ist auch Ayivis Performing back ein sehr erlebenswerter Beitrag dazu.


>>PERFORMING BACK – ein multimedialer Reisebericht aus schwarzer Perspektive von Simone Dede Ayivi, in Kooperation mit den Sophiensaelen Berlin
Konzept & Performance: Simone Dede Ayivi | Sound & Musik: Katharina Kellermann | Raum & Kostüm: För Künkel | Video: Juliane Kremberg | Licht: Anahí Pérez | Dramaturgie: Philipp Khabo Koepsell
Nächste Vorstellungen am 31. Oktober und 1. November, mousonturm Frankfurt


Unsere frischgebackene Autorin franzjakk hat bis vor kurzem noch in Leipzig gelebt und die dortige Theaterwelt ergründet und bereichert. Aufgrund nötigem Tapetenwechsels und neuer Perspektiven wohnt sie nun aber in Hamburg und bleibt uns fortan über die Nordkurve verbunden. „Nicht nur über die Nordkurve, auch über jede Menge wärmste Gedanken und so!“ ruft sie, bevor sie mit ihrem Schiff den Lindenauer Hafen verlässt. „Und sag den Lesern, ich mach das hier zum ersten Mal, also sollen die mal nachsichtig mit mir sein!“ schallt es noch hinterher.

Was franzjakk neben Theatergeschichten schreiben noch so macht, könnt ihr auf ihrer Website erkunden: www.franzjakk.com