fritschs kassette am schauspielhaus: wieso denn bloß?

Eben noch erzähl ich meiner Begleitung im Foyer, wie gern ich Stofftapete mag, nun sehe ich vor mir auf der Bühne ein riesiges Rund derselbigen in blau, geziert mit gelben Blümchen. Gestört oder ergänzt wird diese Glückseligkeit einzig durch einen monumentalen Kamin mit Knister-Knaster-Feuerchen nebst dafür nützlichen, ebenso monumentalen Holzscheitstapel zur Rechten und einem herrlichen Konzertflügel zur Linken, allesamt stehend auf leicht spiegelndem Bühnenboden. Dies ist also die Kulisse für Carl Sternheims Komödie Die Kassette, inszeniert von Herbert Fritsch, premierierend am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

Man kann vermuten, dass dies ein lustig-bunter Zippel-Zappel-Spaß wird, hektisch, nervös, grotesk, überzogen, mit Verrenkungen und Grimassen, zusammengefügt mit choreografischer Eleganz, zumindest ist das ja irgendwie der Ruf, der Herrn Fritsch vorauseilt.

Die Kassette. Herbert Fritsch am Schauspielhaus Hamburg © Thomas Aurin

Noch ist’s spannend – Ensemble nebst Musiker im Stofftapetensaal © Thomas Aurin

Wollen wir den Abend nun in einem Satz zusammenfassen, ist er wohl ungefähr das: Ein lustig-bunter Zippel-Zappel-Spaß undsoweiter, dem mit seinen zweieinhalb Stunden Länge leider recht schnell die Luft ausgeht.

Die Story: Tante Elsbeth (pathetisch-groß: Anja Laϊs), gesegnet mit reichlich Vermögen und davon abgesehen eher unbeliebt, kommt ins Haus des Oberlehrers Krull (Götz Schubert) und kämpft um Zuneigung der hier Anwesenden, während die sich eher um Tantes Reichtum, verschlossen in der titelgebenden Kassette, bemühen und sich dabei gegenseitig diverse Schnippchen schlagen. Also ein Abend um viel Geld und wenig Liebe, mit Beziehungskisten, Machtspielchen und Ramtamtam.
Sieben Spieler, geschmückt mit den für Fritsch typischen comichaften Gewändern (Kostüme: Victoria Behr), verrenken und umgarnen sich, stolpern, tanzen und werden getanzt. Schnell, hastig und meist recht hysterisch bringen sie ihre Dialoge; begleitet, befeuert und häufig übertönt vom Klaviervirtuosen Ingo Günther. Und das ist das Problem des Abends: Verstehen kann man hier sehr wenig. Schon rein akustisch muss sich der geneigte Zuschauer sehr bemühen – dass der Inhalt dann inszenatorisch irgendwie auch auf der Strecke bleibt, der so schwer verstehende Text einfach nur hübsch bebildert wird, ist dem allgemeinen Verständnis der ja vermutlich intelligenten Stückvorlage nicht besonders zuträglich.

Die Kassette. Herbert Fritsch am Schauspielhaus Hamburg © Thomas Aurin

Nu isser hin – Der Mob stürmt des Hausdieners schönstes Werk

Die größte Spannung des Abends besteht in der Frage, wann der Holzscheitstapel das nächste Mal umgerannt wird und wie lange Hausdiener Emil (Jonas Hien) wohl diesmal braucht, um ihn in akribischster Feinstarbeit wieder aufzubauen. Dass die Spieler, allen voran Gala Othero Winter (als Krulls Tochter Lydia) und Bastian Reiber (als Künstler Seidenschnur) schauspielerisch absolut überzeugen, unterhalten und faszinieren, kann leider nicht über die inszenatorische Schwäche hinwegtrösten. Schön sieht das alles aus, gar keine Frage, und der Fritsch’sche Stil macht eigentlich auch großen Spaß, aber zweieinhalb Stunden kann das allein nicht tragen und irgendwann wird’s tatsächlich auch ein bisschen nervig, so, ohne Inhalt und irgendwann frage ich mich nur noch: Warum machen die das eigentlich alles? Warum brennen jetzt die Hände von Herrn Krull? Und warum hackt der Emil plötzlich ewig lange Holz? Warum tanzt der Kerl mit der Axt? Ich versteeeeh es nicht und bin es leid, in den Untiefen meines Hirns nach möglichen Interpretationen zu wühlen. Da guck ich mir lieber nur noch die schönen Bilder, Kostüme und Verrenkungen an und denk mir meine eigene Geschichte aus.

Die durchinszenierte Applausordnung ist dann fast interessanter und wesentlich schmissiger als das Stück. Sahnehäubchen: Der Regisseur entsteigt mitsamt Konfettikanone dem Kamin (Assoziation: Hölle? Neeee, oder?). Schöner Bruch, hätte man vielleicht schonmal eher einbauen können.


» Die Kassette von Carl Sternheim
Regie & Bühne Herbert Fritsch, Kostüme Victoria Behr, Musik Ingo Günther.
Es spielen Karoline Bär, Jonas Hien, Anja Laϊs, Bastian Reiber, Götz Schubert, Michael Weber, Gala Othero Winter
Nächste Vorstellungen am 8., 14. und 17. Oktober, Deutsches Schauspielhaus Hamburg

 


Unsere frischgebackene Autorin franzjakk hat bis vor kurzem noch in Leipzig gelebt und die dortige Theaterwelt ergründet und bereichert. Aufgrund nötigem Tapetenwechsels und neuer Perspektiven wohnt sie nun aber in Hamburg und bleibt uns fortan über die Nordkurve verbunden. „Nicht nur über die Nordkurve, auch über jede Menge wärmste Gedanken und so!“ ruft sie, bevor sie mit ihrem Schiff den Lindenauer Hafen verlässt. „Und sag den Lesern, ich mach das hier zum ersten Mal, also sollen die mal nachsichtig mit mir sein!“ schallt es noch hinterher.

Was franzjakk neben Theatergeschichten schreiben noch so macht, könnt ihr auf ihrer Website erkunden: www.franzjakk.com