früchte des zorns am thalia theater

Vor ein paar Tagen haben wir uns am Thalia Theater „Früchte des Zorns“ in der Regie von Luk Perceval angeschaut – zugegebenerweise, ohne John Steinbecks 1939 erschienenen Roman vorher gelesen zu haben (trotz dringendem Platz auf der Leseliste) – aber sowas soll ja vorkommen, damit waren wir vermutlich nicht die einzigen im Publikum, also: gucken wir mal!

Während auf dem Eisernen Vorhang noch feingliedrige Video-Nebelschleier wabern, lesen wir im Programmheft, dass der Regisseur die Geschichte vom „Schicksal der Großfamilie Joad, die (…) dem Ruf Go West! folgen, in der Hoffnung, auf den kalifornischen Obstplantagen eine neue Existenzgrundlage zu finden“ mit einem „internationalen, mehrsprachigen Ensemble als eine Urgeschichte der Migration“ erzählen will. Dieses Ensemble, bestehend aus Marina Galic, Bert Luppes, Nick Monu, Mariia Shulga, Rafael Stachowiak und Kristof Van Boven, klärt ebenso gleich im Programmheft über seine Herkunft (Kroatien, Niederlande/Indonesien, Nigeria, Russland, Polen, Belgien) und sein Verständnis von Heimat (Museum, Natur, Familie, Sprache, Sehnsucht, Essen) und Fremdsein (immer auf dem Sprung, Orientierungslosigkeit, Sprache, Mentalität, Missverständnisse) auf.

Das klingt nach einer spannenden Mischung und einem vielversprechendenen Ansatz, sodass wir erwartungsvoll der Bühne von Annette Kurz entgegen schauen, als sich der Eiserne Vorhang hebt und den Blick freigibt auf beherbstlaubten Boden und Menschen, die sich langsam aus einer großen Stoffplane schälen, einen anderen, der einen verzweigten Ast gleich einem Baum nach oben hält und dem nächsten, der durch ein kupfernes Sprechrohr die Geschichte einleitet. Die Video-Nebelschleier werden durch Staubwolken abgelöst, das Licht entspricht einer Mischung aus gedämpfter Herbstsonne und apokalyptischer Weltuntergangsstimmung, das dabei entstehende Bild gibt sich sanft, einsam und irgendwie auch romantisch. Und die Geschichte? Familie Joad lässt ihre Heimat zurück, weil in Kalifornien alles besser sein muss: da scheint die Sonne und es gibt überall Obst. Also ab mit dem störrischen Vehikel auf die Route 66 und, wie unzählige andere verarmte Bauern-Familien, Richtung Süden – in eine hoffentlich bessere Welt.

Was denkst du, wie lang wir unterwegs sind? – Wenn wir Glück haben, ein paar Tage. – Und wenn wir Pech haben?

Auf langem Weg gibt es viel zu bewältigen: vom kaputten Auto über fehlendes Wasser bis hin zum plötzlichen Tod des Großvaters; und auch nach schlussendlicher Ankunft in Kalifornien ist eben leider nicht alles so schnell FriedeFreudeEierkuchen, denn wo sollen so viele Menschen so schnell unterkommen? Gibt es wirklich genug Arbeit? Und werden Fremde denn überhaupt mit offenen Armen empfangen?

Ich wollte, alles wäre einfach nur schön.

Sagt die Mutter, aber das vermeintliche Glück liegt selbst in Kalifornien nicht einfach auf der Straße herum.

John Steinbecks Roman ist als große, starke Geschichte bekannt und auch das Programmheft liest sich sehr spannend. Luk Percevals Inszenierung allerdings öffnet andere Ebenen und lässt sich fast eher als eine die Geschichte illustrierende Performance begreifen. Da entstehen immer wieder starke, eindrucksvolle Bilder: Wenn die Spieler im beharrlichen Herbstlaub-Regen mit stampfenden Füßen das Starten des Motors verbildlichen, wenn die große Stoffplane geschwungen wird, einzelne Spieler mit ihr ver- und enthüllt werden oder auf ihr herumgetrampelt wird, wenn das Ensemble umherirrt oder lethargisch verharrt und wenn Musik die staubige Stille durchdringt: Ein Glockenspiel bricht mit seinen vorsichtigen Klängen durch den Dunst und – gesungen wird, immer wieder: Einsame Lieder mit brüchigen Stimmen, kehlige Gesänge mit starren, nachdenklichen Blicken in eine ungewisse Zukunft. Die teilweise Langatmigkeit, die dabei entsteht, ist gut und wichtig, denn so ist das nun mal, auf ewig langer Strecke, im ständigen Warten auf (Er-)Lösung oder bessere Zeiten. So muss sich der Zuschauer, gleichsam der Familie Joad, auf die lange Reise einlassen und mit ihr von Moment zu Moment leben.

Die Geschichte scheint dabei mächtig ausgedünnt und man könnte meinen, diese Inszenierung sei am Inhalt vorbeigegangen, aber man fühlt eben mit mit diesen Leuten, und das ist ja auch überhaupt nicht so verkehrt. Und auch nach einigen Tagen bleiben diese starken Bilder im Kopf bestehen: Suchende Menschen im ewigen Rad der Welt, lethargische Hilflosigkeit im Angesicht der ungewissen Zukunft aber auch: mächtig viel Energie, Willenskraft und Hoffnung, denn irgendwann muss alles gut werden und irgendwie geht es auch immer weiter.

Wir fahren einfach und wenn wir da sind, sind wir da und wenn wir arbeiten, arbeiten wir.

Die Zusammenkunft des benannten internationalen Ensembles (an dem es spielerisch absolut nichts zu meckern gibt – im Gegenteil) scheint in dieser Inszenierung, abgesehen von einzelnen Textpassagen in anderen Sprachen, keinen besonderen Fokus bekommen zu haben. Beim Lesen des Programmheftes bekommt man allerdings eine Ahnung, wie viel eigentlich schlummert in dieser Produktion. Und so möchten wir bescheidenerweise die Idee benennen, thematisch mehr zu offenbaren, die Inszenierung in Gesprächsreihen und oder Workshops einzubinden um die Bilder, die hier entstehen, vor- , auf- und nachzubereiten und die investierte und entstehende Energie weiterzunutzen. Denn dass viel Liebe in dieser Inszenierung steckt, das merkt man. Und Liebe braucht sie ja bekanntlich, die Welt.


>>Früchte des Zorns nach John Steinbeck
eine Koproduktion von Thalia Theater Hamburg und NTGent
Regie:
Luk Perceval
Es spielen: Bert Luppes, Kristof Van Boven, Nick Monu, Marina Galic, Rafael Stachowiak, Mariia Shulga
Nächste Vorstellungen: 25. 2., 21.3., 1.3., Thalia Theater, ab 1.3. auch am NTGent