bitte mehr hoffnung! – spielzeiteröffnung an thalia und schauspielhaus

Seit Mitte September läuft die Spielzeit 2016/17 an den großen Häusern. Wir waren bei den beiden großen Eröffnungspremieren dabei: Wut/Rage am Thalia, Hysteria – Gespenster der Freiheit am Schauspielhaus. Geht man davon aus, dass Eröffnungsabende auch immer irgendwie Motto für die kommende Spielzeit sind, wird uns ein wenig Angst und Bange und wir fragen uns, wo bitte bleibt das Positive?

Am Thalia Elfriede Jelineks Wut, verschränkt mit Simon Stephens‘ Rage. Inszeniert von Sebastian Nübling. Dafür eine fast leere Bühne, einzig in der Mitte prangt, anfangs am Boden liegend, ein großer Blinker-Lichter-Schriftzug: Happy (Bühne: Eva-Maria Bauer) – ein schöner Kontrast zum Titel des Abends.

Dann tritt Karin Neuhäuser in Polizeiuniform auf, rollt ein gelbes Absperrband seelenruhig auf und wieder ab und monologisiert unglaublich lang die Jelinek’schen Assoziationsketten, geschrieben als Reaktion auf die Pariser Anschläge auf Charlie Hebdo und den derzeitigen (Gefühls-)Zustand der Welt im Allgemeinen. Feststellungen, Wortspiele, Steigerungen, Nebengedanken, Thesen – was von diesem zähen, ermüdenden Monolog hängen bleibt:

Die Götter sind ein Nichts und groß sind die Menschen

Die treten dann auch auf, die großen Menschen: Der Rest des Ensembles gibt die illustre Feierrunde eines feucht-fröhlichen Silvesterabends, den Simon Stephens in losen Szenen zusammengeschrieben hat. Da wird gekotzt, gepinkelt und gepöbelt, gesoffen und gebaggert; sturzbetrunken stolpern die Figuren über die Bühne, beleidigen und schwadronieren herum und planen für das nächste Jahr, dass alles besser wird, wie immer.

Wir machen jeden zum Gegner, der gerade zufällig da ist.

Dann kommt wieder ein bisschen Jelinek und dann wieder ein bisschen Stephens. So geht das zwei Stunden mal dialogisch, mal monologisch, mal im Chor. Was bleibt ist: die Abscheu vor dieser Partygesellschaft auf unterster Wertschätzungsschiene, ein Ohnmachtsgefühl angesichts der ständig wabernden Wut-Gedanken und: schöne Bilder im Kopf. Ja, Kostüm, Bühnenbild und (Licht)regie geben tatsächlich ästhetisch teilweise sehr betörende Bilder her. Und wenn das Ensemble am Schluss Auld lang syne singt und sich der Happy-Schriftzug zum Glitzer-blinkenden Happy New Year vervollständigt hat und still über diesem ganzen Feiersumpf prangt, dann will man fast vergessen, wie nervig und anstrengend die letzten beiden Stunden waren.

Das Problem ist wie üblich, dass uns niemand liebt.

… erklärt uns Karin Neuhäuser zwischendrin. Die Frage ist eben nur, wo der Kreislauf beginnt – beim Nicht-geliebt-werden oder beim Nicht-liebenswert-sein?

Hysteria - Gespenster der Freiheit © David Baltzer

Hysteria – Gespenster der Freiheit © David Baltzer

Am Schauspielhaus inszeniert Karin Beier Hysteria – Gespenster der Freiheit, nach Motiven von Luis Buñuel. Johannes Schütz hat dazu ein schalldichtes Glashaus auf die Bühne gebaut. Die Spieler dort drinnen sind nicht zu hören, sodass der Abend anfangs nur von den Gesten lebt, begleitet von idyllischem Grillenzirpen und den obligatorischen Hustern im Publikum.

Eine Hauseinweihungsparty wird gefeiert und der Ton immer bei den Gesprächen zugeschaltet, wo er gerade gebraucht wird. Da gibt’s ein bisschen Charakterzeichnung mit seichtem Geplänkel, kleine Konflikte und Lästereien, Drinks und Tanz.

Mit den Gästen kommt auch der schräge Nachbar, der irgendwas von den Leuten „da draußen“ und von der Forschungseinrichtung in der Nähe erzählt: und schon sind die Glaswände nicht mehr trendy und paradiesisch weltoffen, sondern vor allem offenbarend und verräterisch. Es macht sich der Gedanke breit, dass die Welt doch nicht so friedlich sein könnte, wie sie scheint; ab da verbreiten sich Angst, Misstrauen und Panik.

Die Drehbühne dreht sich und alle drehen am Rad: Blut und Schreie und Wahnsinn und Tod und dann ist die Welt zu Ende. Und was bleibt hier? Interessanterweise ähnlich wie im Thalia einen Abend zuvor: Bedrückendes Gefühl und wirklich schöne Bilder: Wie die Menschen halb irre durchs Glashaus tanzen oder mit aufgerissenen Augen an den Scheiben kleben; wie sie durch den obligatorischen Nebel mäandern und wirklich schön, wie perfekt all das inszeniert und getimed ist. Das macht den Abend insgesamt doch recht kurzweilig, da gibt’s immer irgendwas zu gucken.

Aber ist es das, was Theater wollen soll? Bedrückendes Gefühl und schöne Bilder? Was soll man aus derlei Abenden mitnehmen? Dass Angst und Wut tolle Ästhetiken schaffen? Dass schöne Farben und perfekte Komposition auch negative Gefühle aushaltbar machen? Vielleicht waren wir auch zu müde oder zu doof aber irgendwas gefällt uns hier so gar nicht. Sollte Theater nicht irgendwas Lebensbejahendes haben? Einen Funken Hoffnung in die Menschheit setzen? Irgendeine Art von Lösungen, und seien es Träume, anbieten?

© David Baltzer

© David Baltzer

Dass Wut und Hysterie sehr aktuelle und durchaus betrachtenswerte Zustände sind, ist leicht zu bejahen. Aber wenn Theater diese Themen so verhandelt, dass das Publikum verstört und erdrückt hinausgeht ohne Licht am Horizont zu sehen, ist es für uns am Ziel vorbeigeschossen. Das schöne am theatralen Zauberspiegel der Gesellschaft ist doch, dass er tiefer zu blicken vermag als ein einzelner Mensch mit seinen Momentaufnahmen des Alltäglichen und auch tiefer, als eine stumpfe Massenbewegung, die nicht weiter denkt als bis zum nächsten Angstpunkt.

Und in diesen Sinne waren für uns diese beiden Abende nahezu verschenkt, wenn nicht gar kontraproduktiv. Treffend dafür ein Text von Carolin Emcke im Wut/Rage-Programmheft, von uns frech aus dem Kontext gerissen:

Dabei ist nicht das Zuschauen obszön, sondern das, was geschieht. Nicht das Miterleben ist zynisch, sondern die menschenverachtende Grausamkeit, die nicht mehr heimlich verborgen, sondern unheimlich vorgeführt wird, um uns zu Beteiligten einer Inszenierung zu machen, der wir uns veweigern wollen. (…) Wie das auszuhalten sein soll? Ich weiß es nicht.


»Wut/Rage von Elfriede Jelinek und Simon Stephens
Regie: Sebastian Nübling
Es spielen: Kristof Van Boven, Marina Galic, Julian Greis, Franziska Hartmann, Marie Löcker, Karin Neuhäuser, Sven Schelker, Sebastian Zimmler
Kommende Vorstellungen: 22., 23., 26. 10.; 16.11.; 6.12., Thalia Theater

»Hysteria – Gespenster der Freiheit nach Motiven von Luis Buñuel, Textfassung von Karin Beier und Christian Tschirner
Regie: Karin Beier
Es spielen: Paul Behren, Yorck Dippe, Sachiko Hara, Jonas Hien, Josefine Israel, Markus John, Angelika Richter, Sayouba Sigué, Kate Strong, Julia Wieninger, Michael Wittenborn
Kommende Vorstellungen: 23.10., 19.11., 10.12., Deutsches SchauSpielHaus