angeguckt: zweimal oberstufen-schüler-theater am gymnasium osterbek

Theaterräume gibt es viele. Große, mittelgroße, kleine. Wer es in die großen schafft, der ist auch groß, weil vielbeachtet. Aber alles Große beginnt im Kleinen. Und wer auf die großen Theaterbühnen will, der fängt klein an. Wir sind dahin gucken gegangen, wo sich die Zukunft der Welt und also auch des Theaters entwickelt. Dahin, wo viel Freiheit herrscht, aber auch strenge Regeln. Dahin, wo man manchmal gern wieder wäre, als Ausgleich zum verwirrenden „wahren Leben“: In die Schule.

Wir waren am Gymnasium Osterbek und haben Schultheater geschaut: gemacht und gespielt von denen, die kurz davor sind, in die Welt zu starten – SchülerInnen kurz vorm Abitur.

¶¶¶

Das erste Stück, bei dem wir zugegen sind, heißt Fluchtlinien und wird von einem Theater- und einem Musikkurs gezeigt. Thema: Flüchtlinge und ihre Lebenswelten.

Über vierzig Menschen sind hier aktiv, die einen singen, die anderen spielen, dazu zwei unterstützende Lehrkräfte und die Jungs vom schuleigenen Technik-Team. Eine Art Musical-Performance-Rezitations-Collage ist entstanden, eine Sammlung von Material, das vor allem Gefühle zwischen Ohnmacht, Hilflosigkeit, Traumatisierung, später Dankbarkeit und Hoffnung umreißt. Aus dem LaLeLu-Schlaflied und einer in weiches Licht getauchten Schulhofidylle entsteht plötzlich Bombenhagel: Menschen rennen um ihr Leben, in Kreisen um das Publikum herum. Dann Gedichte von Brecht, Heine, Kaléko über das Leben in einem anderen Land, über Fremde, über Heimatlosigkeit, über Unverständnis angesichts der Geschehnisse.

Vom Zweiten Weltkrieg und dem Leben im Exil wird dann der Bogen ins Heute geschlagen, wo Deutsche nicht mehr nach Amerika auswandern, sondern unzählig viele Menschen nach Deutschland kommen, um hier Schutz und womöglich eine neue Heimat zu finden.
Um die Texte verschiedener Autoren sind eindrucksvolle Bilder gebaut: ein buntes, oft berührendes, mitunter verstörendes Treiben, durchsetzt vom Gesang, Gesumm und Gespiel des Musikkurses. Zwischendrin auch mal die Tagesschau. Oder eine Politikerdebatte. Vom reinen Blick auf die Flucht an sich landen wir im Leben hier, mit den Hürden, die ein Flüchtling nach seiner Ankunft zu überwinden hat, gehalten von Gegenständen, die an ein früheres Leben erinnern.

Sei du im Dunkeln nah. Mir wird so bang.
Ich habe Vaterland und Heim verlassen.
Es wartet so viel Weh auf fremden Gassen.
Gib du mir deine Hand. Der Weg ist lang.
Mascha Kaléko: Überfahrt (Auszug)

Ein Jahr haben die Schüler und Schülerinnen gearbeitet und man kann sehen, dass sie in dieser Zeit viele Ideen hatten. Ein klein wenig büßt der Abend an Stärke ein, wenn zunehmend Einfall an Einfall gereiht wird und sich dabei der anfangs so starke rote Faden verliert. Und so anrührend, sensibilisierend der Abend ist und so wichtig die Empathie: Betroffenheit und Mitleid allein reichen nicht aus, danach muss noch was kommen.
Kommt auch, ein bisschen: Das Publikum wird hinsichtlich seiner Flucht- und Flüchtlings-Erfahrungen interviewt. Das ist charmant, bringt Akteure und Zuschauer zusammen und am Schluss steht die Botschaft: Wir zusammen für eine bessere Welt. So kitschig das ist, schön ist es trotzdem.

Der Applaus ist euphorisch und das entstandene Gemeinschaftsgefühl kann nach der Vorstellung bei Gespräch und Häppchen ausgebaut werden. Fazit des Schuldirektors: Lasst uns diese Gemeinschaft auch aus der Schule heraustragen. Wenn wir das hinbekommen, ist schon viel geschafft.

¶¶¶

Eine Woche später zeigt ein zweiter Theaterkurs sein Abschlussstück: Das Böse in dir, frei nach William Goldings Roman Herr der Fliegen. Auch das eine mutige Wahl für eine (Schüler-)Bühne.

Das Böse in dir. (c)Gymnasium Osterbek Hamburg

Nach einem Flugzeugabsturz findet sich eine Gruppe Jugendlicher allein auf einer einsamen Insel wieder. Im Versuch, sich zu behaupten und zu überleben, entwickelt sich schnell eine gefährliche Gruppendynamik aus Unterdrückung, Angst und Kampf, bis hin zum Mord.

Schon beim Einlass stehen sie da, die zwanzig SpielerInnen, alle in weiß, selig lächelnd, schwankend. Dazu ein einsames Cello. Wir erleben den Flug, die Vorfreude auf eine entspannte Auszeit in herrlichster Tropenluft (die sich mittels Wassersprühflaschen auf den erwartungsvollen Gesichtern manifestiert – eine schöne Idee!). Dann werden die Celloklänge wilder, die SpielerInnen beginnen zu zucken und liegen alsbald auf dem Boden, mit verschmiertem Make-up und also fertiger Kriegsbemalung.
Was dann folgt, ist das Erkunden der Insel: teils belustigt, teils beängstigt, teils hilflos. Zauberhafterweise verwandelt sich durch dieses lange, sorgfältig gearbeitete Ankommen im Stück die mehr als nüchterne, unerschrocken funktionale „Mehrzweckhalle“ des Gymnasiums in einen tatsächlichen Theaterraum, wenn nicht sogar wahrhaftig in eine Insel. Herrlich!

Im Folgenden wird Goldings umfangreicher Roman klug gerafft und in sinnliche Bilder übersetzt. Beeindruckend ist die Konzentration und Genauigkeit der SchülerInnen: Auf den Punkt setzen sie Impulse, sprechen ihre Chöre, performen ihre Choreografien – den Blick starr geradeaus, unbeirrt vom sehr nahen Publikum, genau wissend, was sie tun. Das erzeugt eine Wucht, die im schönen Kontrast zum teilweise noch unbeholfenen Spiel unerfahrener SpielerInnen steht, sobald sie in den Dialog treten. Dramaturgisch holpert es an ein, zwei Stellen, aber darüber lassen wir uns gern hinwegchoreographieren.

Stecht das Schwein, macht es tot, Blut fließt rot!

Das ist eine gelungene Setzung, die durch den Einsatz von Schattenspiel, Video, Musik und einer unauffällig tragenden Lichtregie unterstützt wird. Schön finden wir das, Spaß macht das und verstörend ist es, diesen Abend als sinnlich zu bezeichnen. Ist er aber, trotz aller Gewalt, und in diesem Rahmen ist das gut: zeigt er doch, wie schnell man abrutscht und wie gefährlich und mitreißend manche Dynamiken sind, vor allem in Zeiten der Umorientierung, der Angst und der Suche.

Aber wo sind die Erwachsenen? Diese Frage wird am Anfang gestellt und auch am Ende. Die Antwort liegt auf der Hand: da stehen sie, die Erwachsenen, mitten auf der Bühne, so schnell geht das. Und auch außerhalb des Theaters müssen sie demnächst raus aus dem Vertrauten und schauen, was sie anstellen mit ihrem Leben.

Die Euphorie, die so ein Schulprojekt verbreitet, kann man in manchen Theatern lange suchen. Allein das ist wunderbar inspirierend. Wir glauben ja, dass wir einige dieser Theater- und MusikschülerInnen in den nächsten Jahren auf den kleinen und großen Bühnen dieser Welt und dieses Lebens entdecken werden. Denn diese jungen Menschen hier: die wollen was. Und dem zuzuschauen macht Spaß. Chapeau!


Theater am Gymnasium Osterbek

Fluchtlinien – Szenisch-musikalische Collage
Oberstufenkurse Theater/Musik, Leitung: Y.Funck, A. Rentz
29./30. März 2017

Das Böse in dir frei nach „Herr der Fliegen“ von William Golding
Kulturprofil, Leitung: F. Schwarzbold
5./6. April 2017

Zum Stöbern: Die »Website des Gymnasiums Osterbek