angeguckt: wieviel ist die liebe wert? –
ein anderer othello am lichthof theater

Othello und Desdemona. So lange Traumpaar, bis des Jagos fiese Gifttröpfchen zum Giftsee geworden sind und – oh, beware, my lord, of jealousy! – der große Feldherr seiner Herzendame das Leben entreißt. In der offiziellsten-oder-so Deutung ist es ganz klar Othello – der Mohr von Venedig – der Opfer von Rassismus wird und deswegen alles verliert. Dass man aber bekanntlich auch alles mal anders denken kann und sollte, weiß Regisseur Fabian Gerhardt – und hat mit Othello – I know I’m not the only one gastspielenderweise im LICHTHOF Theater das Stück ein bisschen auf den Kopf gestellt.

Desdemona (Anna Mariscal) ist hier nämlich eine bezaubernd feurige Dame spanischer Herkunft und spricht den ganzen Abend mit Akzent oder auch mal direkt spanisch. Othello und seine Jungs hingegen sind die Prollo-Gang von nebenan – mit Goldkettchen, schimmernden Trainingsanzügen und sowohl verbalem als auch physischem Macho-Gehabe.

Jochen Weichenthals Othello ist dabei Obermacker wie er im Buche steht: forsches Auftreten, groß und wuchtig, strenger Blick – weich wird er nur, wenn sich seine Desdemona an ihn schmiegt – dann singt er mit zärtlicher Stimme ein Liebeslied, bekommt einen glasigen Blick und verschwindet – mit Herzensdame – für ein paar Minuten hinterm Vorhang, seine Jungs dumm-aus-der-Wäsche-guckend zurücklassend.

Wir hatten gerade ’ne fette Siegesfeier mit geilen Schlampen aus’m Dorf

Der Shakespeare’sche Text wird hier aufs Wesentliche eingedampft und mit zahlreichen heiteren Sprüchen, die sich zum Großteil um die Fortpflanzung drehen, angereichert. Die Schauspieler agieren mit großer Spielfreude und Wandlungsfähigkeit. Allen voran Anton Weil: Der verwandelt sich blitzschnell vom glitzerbebrillten und höchst trottligen Rodrigo zum souverän-charmanten Cassio (nicht zuletzt durch seine supercoole Wendejacke – Ausstattung: Laura Kirst), ist später eine trotz Bart wunderschön stolz-verbitterte Emilia und zuvor auch noch der auf fast ein bisschen zu viele Lacher hininszenierte Doge von Venedig.

Fabian Raabes Jago ist zwar ein  ebensoguter Anführer wie Othello – nur hat er’s bekanntermaßen mit der Liebe nicht so sehr. Die Diskussionen zwischen ihm und seiner Emilia-mit-Bart sind herrlich trocken-traurig mit einem Funken unschlagbares Team.

Großartig die Siegesfeier über die ertrunkenen Feinde: Othello und Desdemona in innigster Leidenschaft in der Dorfdisko, Jago und Cassio/Emilia scharwenzeln neidisch um sie herum, tanzen auch ein bisschen lahm durch die Gegend, bevor sie resigniert aufgeben und Jago den Cassio zum (Frust)Saufen überredet – was bekanntermaßen den Grundstein für die spätere Eifersuchtsmisere legt.

Und überhaupt, diese Eifersucht – bei jedem Othello ist es spannend zu sehen, wie die Liebesgefühle in Hassgefühle umschlagen, wie der zart-leidenschaftliche Feldherr zum rasenden Wüterich wird und seine Frau am Schluss erdrosselt. Unter Gerhardts Regie kommt schnell die Frage auf, wieviel diese Liebe eigentlich wert war (abgesehen vom Hintern-Vorhang-Verschwinden), unter dem ständigen Gepöbel dieser Machogang. Und ganz folgerichtig steht Desdemona nach dem Mord wieder auf, winkt ab und verlässt die Bühne nach dem Motto: Jungs, ohne mich! Macht ihr mal euren Kram alleine.

Vor ihrem Tod hat sie Othello noch gefragt: Sprichst du eigentlich meine Sprache? Hast du mich jemals nach meiner Meinung gefragt? Hat er nicht. Der Junge ist mit seinen Anhängern vermutlich besoffen über Spielplätze gezogen und hat Scheiben eingeschlagen. Oder so. Und damit muss sich tatsächlich keine Desdemona abgeben.

Dass Fabian Gerhardt im zweiten Leben auch Schauspieler ist sieht man seiner Regie sofort an – was nicht zuletzt natürlich auch an seinem charismatischen Ensemble liegt. Da ist einfach unglaublich viel Bewegung und Spiellust auf der LICHTHOF-Bühne. Dieser sehr kurzweilige Othello – I know I’m not the only one bekommt verdientermaßen viele Lacher, Szenenappläuse und am Schluss tosenden Beifall.

Was vom Abend dann aber bleibt ist nicht das Machogang-Party-Brimborium, sondern die Enttäuschung über diese so verheißungsvolle und dann doch ganz leere Liebe – derlei es wohl leider viele gibt in unserer kleinen Welt.


» Othello – I know I’m not the only one nach William Shakespeare

Regie: Fabian Gerhardt
Es spielten: Anna Mariscal, Fabian Raabe, Jochen Weichenthal, Anton Weil
(Wir sahen das Gastspiel am 9.9.2016 im LICHTHOF Theater)