angeguckt: wie groß ist der schaden bei dir?

Ende Januar hat Henri Hüster im LICHTHOF Theater Rainald Goetz´ Irre inszeniert. Reichlich verspätet nun noch eine Besprechung – der Abend hat uns einfach nicht losgelassen.

Und das, obwohl wir ziemlich müde, wenn nicht sogar ein bisschen genervt nach drei Stunden das Theater verlassen und uns auf einen schönen Absacker freuen. Aber mal ganz von vorn.

Irre. (c) Marie Sturminger

Den Zuschauer erwartet auf der schwarzen Studiobühne des Theaters ein sehr viel offeneres Bühnenkonzept als sonst üblich: Überall verteilt im Holzgerüst-Rund stehen schwarze Hocker, dazwischen ein paar Tribünchen und Holzkonstruktionen. Bei derlei Konzepten ist es immer ein Fest, das Publikum, einschließlich sich selbst, zu beobachten: waaaas, raus aus der Komfortzone? Nicht im beschützten Dunkel, hübsch geordnet hintereinander, sitzen?

Nein nein, hier sieht jeder jeden und schnell meint man, die Gäste des heutigen Abends zu kennen: Der da ganz hinten versucht, keine Miene zu verziehen, die Frau an der Seite, die unruhig auf dem Sitz hin und her rutscht und der Typ da in der Mitte, der sich interessiert in alle Richtungen dreht und selig grinst; denn ja – drehen muss man sich, wenn man alles sehen will, denn die vier Darsteller spielen sich durchs Publikum und sammeln sich an immer neuen Positionen.

Die schlaglichtartigen Stimmen aus der Psychiatrie (entnommen dem ersten Teil des Romanes von Rainald Goetz) sprechen sie dabei chorisch, genau aufgeteilt, mit unzähligen Wiederholungen. Dazwischen: Bewegung, Blicke, Musik. Rührend, wie sich alle vier um ein kleines Keyboard versammeln und sich in gefühlter Dauerschleife zusingen: Never relax, Never relax, Never relax; schön die Momente, wenn sie sich durchs Hockerlabyrinth schlängeln, den Gästen tief in die Augen schauen und fragen:

Wie groß ist der Schaden bei dir?

Im zweiten Teil dann ein Feeling wie in der Zirkusmanege. Ein orangelackierter Tanzboden, stoffverhangene Wände, die Sitzhocker im Rund um die Manege, in deren vier „Ecken“ vier Schauspieler auf vier Tribünen. Es folgt die linearer erzählte Geschichte von Raspe, dem jungen Arzt, der seine neue Arbeit in der Psychiatrie antritt. Nach dem langen ersten Teil voller wirrer Schlaglichtsätze hofft man nun auf einen Bruch, auf eine Veränderung im Spiel, auf ein wenig mehr Klarheit. Auch die veränderte Bühne lässt hoffen. Aber man wird enttäuscht. Ähnlich chorisch, wiederholungslastig und unbestimmt geht es weiter, Szenen des klassischen Zusammenspiels gibt es wenige.

Das zieht sich. Aber es bleibt im Gedächtnis. Die eigenen Gedanken beginnen zu kreisen: Wo bin ich hier? In meinem eigenen Gehirn? Im Gehirn eines „Irren“? Was ist das für ein Ort? Ob mich die anderen beobachten? Und was machen diese bunten Gestalten da?

Ich bin gesund, bin nicht gestörter als ihr!

… heißt es irgendwann und es werden Fragen gestellt. Warum lässt man die Menschen nicht sein, wie sie sind? Warum zum Beispiel erklären wir jemanden für verrückt, der Selbstgespräche führt?  Haben wir nicht alle unsere Macken, Ticks und Schäden? Wie groß ist der Schaden bei dir? Bist du noch normal? Bin ich normal? Warum sollen wir alle normal sein? Und warum soll dieser Theaterabend normal sein? Was ist das denn, dieses normal?

Nochmal Irre. (c)Angelina Vernetti

Natürlich gibt der Abend keine Antworten. Er dreht sich um sich selbst, so wie Choreografin und Schauspielerin Vasna Aguilar sich am Ende am Boden um sich selbst dreht. Der Abend dreht sich um seine Gedanken und Wortfetzen, um die kleinen Geister im Zirkusmanegenkopf. Da mittendrin finden wir es sehr anstrengend, da mittendrin wünschen wir uns ein bisschen mehr Klarheit, ein bisschen mehr Linie.

Im Nachhinein finden wir es stark, eben weil einen der Abend so schön alleine lässt mit seinem Irrsinn. Aber darin liegt auch das Miteinander: Diese Zirkusmanege hier ist unser aller Kopf. Und das ist ein schönes, sinnliches Erlebnis. Im Nachhinein.


»Irre nach dem Roman von Rainald Goetz
Regie: Henri Hüster
Es spielen: Vasna Aguilar, Aurel von Arx, Anna Eger, Lukas Gander
Premiere war am 20. Januar 2016 im LICHTHOF Theater Hamburg – weitere Termine in Planung

Weiterlesen: »Henri Hüster im reihesieben-Kurzporträt