angeguckt: was bleibt? – kafkas schloss am thalia theater

Vor dem Eisernen Vorhang sprechen zwei nervöse Gestalten vom letzten Feuerwehrfest, von den Leuten im Dorf und von der großen, alles kontrollierenden Behörde: Dem Schloss. Und dann wollen sie da hinein, finden nur die Tür nicht mehr, aus der sie getreten sind und klopfen hilfesuchend ans große, mächtige Eisen. Das ist der Prolog zur Inszenierung des Kafka’schen Romanfragmentes Das Schloss, dem sich im Thalia Theater kürzlich Antú Romero Nunes angenommen hat – bildgewaltig, grotesk und ideengespickt. Was es da zu sehen gab, und warum wir es spannend finden, Stückbesprechungen erst einige Tage später zu schreiben, das lest ihr hier.

Nach dem Klopfen hebt sich der Eiserne Vorhang, Nebelschwaden und einsame Akkordeonklänge wabern uns entgegen und auf der Bühne wackelt, mit dem Rücken zu uns, in ungelenken Bewegungen, ein einzelner Mensch (Jörg Pohl). Der ist es auch, der das Akkordeon spielt und in immer krummeren Bewegungen dessen Klang mehr und mehr anschwellen lässt – bis er uns bemerkt und verstört verschwindet. Nach seinem Abgang schieben sich – einsam nacheinander und alle in ihrer eigenen Welt – die anderen Dorfbewohner (Lisa Hagmeister, Mirco Kreibich, Thomas Niehaus, Paul Schröder, Cathérine Seifert, André Szymanski) über die Bühne: gestelzt, gebückt, mit jeder Menge Schrullen und vor allem: in kunstvoll-grotesken Fatsuit-Kostümen mit überquellenden Bäuchen, dicken Hintern und krummen Beinchen (Kostüme: Victoria Behr). Dann ein Ruf, mit feindseligem Blick mitten hinein ins Publikum:

Sie können hier nicht schlafen. Niemand darf hier ohne die Erlaubnis des Schlosses wohnen oder übernachten.

Wir, das Publikum, sind K. – der vermeintliche Landvermesser, der in Kafkas Schloss Zuflucht oder Anschluss finden will in diesem kleinen verschrobenen Dorf; der durch Liebeleien und Verstrickungen schlittert, um immer nur das eine Ziel zu erreichen: Sich dem Schloss anzunähern, diesem seltsamen Behördenapparat verworrener Hierarchien. Und als wäre der Abstand zwischen Bühne und Zuschauerraum nicht schon genug, um die Ausweglosigkeit „unseres“ Vorhabens zu verdeutlichen, schafft das wie-immer-vorzügliche Ensemble eine Atmosphäre aus Skepsis und Feindseligkeit, wirft uns fiese Blicke und gemeine Sprüche wie „Glotz nicht so blöde“, „Gastfreundlichkeit ist bei uns nicht Sitte“ und vor allem „Wir brauchen keinen Landvermesser!“ entgegen.

Wir brauchen keinen Landvermesser

Ob der Landvermesser nun wirklich gebraucht wird oder nicht, wird, nach seltsamen Begegnungen im Dorf und dem Hin- und Hergeworfenwerden zwischen Personen und Instanzen, ausführlich in der Gemeinderatssitzung besprochen. Ablehnend sitzt uns das ganze Ensemble gleich einer schrulligen Castingshow-Jury gegenüber und beschließt, nach angemessen umständlichen Behörden-Vorgangs-Diskussionen das Erwartbare:

Wir brauchen keinen Landvermesser

K. bleibt einzig die Tätigkeit als Schuldiener und gemeinsam mit seinen Schülerkollegen (herrlich bockig und pubertär) wird als Schultheaterstück noch einmal die ganze Landvermesser-Geschichte durchgespielt: Fies, aggressiv, mit Prügel, ein großes witzig-verstörendes Tralala. Dann: Cut. K., den inzwischen Mirco Kreibich spielt, das Publikum schaut nunmehr „nur noch“ zu, ist allein und fast nackt; hinter ihm haben die Dorfgestalten eine labyrinthische Trutzburg aus Eisenstangen-Bühnentürmen zusammengeschoben (Bühne: Matthias Koch) und an denen krabbelt er, gleich einem Insekt, nach oben und hakt sich fest mit den Worten: „Ihr kriegt mich hier nicht fort.“ Und dann? Die Dorfbewohner postieren sich auf der Burg und K. jagt und schlängelt sich mit ihnen durch dessen verworrene Etagen und Gänge. Und was wird nun gespielt? Die Geschichte vom Landvermesser natürlich, nochmal, diesmal nicht mehr so witzig-absurd wie vorher, sondern eher gespenstisch, verstörend, bedrängend.

Und irgendwann dann: Schnee. K. allein. Unendliche Freiheit und dröhnende Klänge. „Es gibt nichts Schlimmeres, nichts Einsameres als das Warten“ sagt er noch, und dann – wars das auch schon. Knapp zwei Stunden ging dieser Reigen, dem man gespannt-gebannt folgte und bei dem es viel und wenig zugleich zu erleben gab. Nach der Vorstellung aber die Frage: Was war das denn jetzt bitte? Was bleibt übrig von dieser Inszenierung? Worum ging es hier eigentlich? Ums Warten? Ums Ankommen in einer fremden Welt? Um Gastfreundschaft-oder-auch-nicht? Wo gab es Berührungspunkte zur eigenen Welt oder der Welt im allgemeinen? Am selben Abend dachten wir noch, das Stück hätte uns nicht so recht erreicht. Mit einem Abstand von einigen Tagen stellen wir aber fest: Die Bilder geistern durch den Kopf, da ist viel hängen geblieben, auch wenn wir das im Konkreten nicht beschreiben können. Und deswegen wollen wir als Fazit dieses Abends einen Text von Peter von Matt aus dem Programmheft zitieren:

Einen Kafkatext auszuhalten, so wie er ist, in seiner ganzen vertrackten Einfachheit, seiner Sabotage der offiziellen Vernunft, seinem Schwanken zwischen Gelächter und Grauen, seiner überwirklichen Klarheit, ist die einzige Form der Begegnung, die ihm angemessen ist. Im Aushalten eines Kafkatextes ereignet sich etwas, das mehr ist als alle seine angeblichen Bedeutungen. Im Aushalten des Textes erfahren wir nämlich unsere Antwort darauf, unsere ganz eigene, und dann ist es so, als ob der Text nur für uns wäre. Was er dann tatsächlich ist.

… und weiter diesen Abend als ungelöstes Rätsel-oder-man-weiß-nicht-so-genau mit uns herumtragen.


»Das Schloss nach Franz Kafka

Regie: Antú Romero Nunes
Es spielen: Lisa Hagmeister, Mirco Kreibich, Thomas Niehaus, Jörg Pohl, Paul Schröder, Cathérine Seifert, André Szymanski

Nächste Vorstellungen: 29.6., 12., 13., 17. 7., Thalia Theater Hamburg