angeguckt: von der hammaburg zur elphi – „historicus“ an den hamburger kammerspielen

Obwohl wir uns in einer berühmten Musical-Stadt befinden, haben wir uns hier im Blog bislang noch nicht an eben jenes Genre herangetraut. Bei einem Musical über die hamburgische Geschichte wird man dann aber doch mal neugierig, also: hin da! An den Hamburger Kammerspielen feierte HISTORICUS – eine turbulente Zeitreise durch Hamburgs Geschichte – Premiere. Wir fanden es schlicht: herzzerreißend – für Groß und Klein.

Am Premieren-Sonntagnachmittag sind die Kammerspiele besonders laut und voll, denn der Zielgruppe entsprechend hüpfen auch viele Kinder durchs enge Foyer. Wie schön! Da durchgedrängelt, geht die turbulente Reise auch schon los: Die Geschwister Lilli (Sabine Barthelmess) und Filip (Johan Richter) springen aufgeregt vor der angedeuteten Bretterverschlag-Skyline der Elphi herum. Lilli: die Vernunft  – keine Zeit zum rumspringen, morgen steht ein Test über hamburgische Geschichte an! -, Filip: der Träumer.

Irgendwas Besonderes passiert heute noch, das hab ich im Gefühl!

skandiert er und gibt anschließend noch ein herrlich verträumt-sehnsuchtsvolles Musical-Eröffnungslied zum Besten:

Stellt euch voooor, es wäre soooo, dass da draußen irgendwoooo noch jemand ist …

Und – peng – kommt da schon eine große Nebelwolke, gefolgt vom obligatorischen Publikums-Husten im Saal. Und in den mäandernden Schwaden erscheint: Historicus (Hannes Träbert). Der hat zwar anfangs noch einen anderen Namen, aber sich den zu merken übersteigt sowohl die Fähigkeit der Figuren als auch die der Rezensentin. „Total amazing der Typ“ sagt Filip, und das zu Recht, denn Historicus kommt von irgendwo weit weg, um die Zeit zu bewachen und zu erforschen. Wild blinkt seine Zeitmaschine (der Time-Changer!) und wild blinken auch seine Augen – Hannes Träbert gibt einen wahrlich zauberhaft-liebenswert-naiven Außerirdischen ab.

Achtung, Zeitreise! © Bo Lahola

Völlig klar, dass sich die Geschwister diesem sympathischen Zeitgenossen anschließen. Und so durchreisen sie, mit einigen Turbulenzen, bedeutende historische Stationen dieser schönen Stadt: Auf der Hammaburg werden sie im Jahre 845 von Wikingern (in ständig wechselnden Nebenrollen: Jacob Loerbroks, Larissa Heimbach, Mats Kampen, Nadja Wünsche und Marwin Funck) überfallen, 1189 feiern sie den ersten Hafengeburtstag und singen unschöne Lieder über ihre Nachbarn („Alle Bremer stinken, weil sie aus der Weser trinken“), der Pest im Jahre 1350 entkommen sie nur knapp, dafür erleidet Filip dann aber auf Störtebekers Godewind einen Realitätsverlust, aus dem die Schwester ihn glücklicherweise noch erretten kann.

Beim Kollegen Störtebeker auf der Godewind. (c)Bo Lahola

Es folgt ein Pfeffersäcke-Ballett aus dem Jahr 1619 („Ich bin ein Pfeffersack. Ich handle jeden Tag, bei Ebbe und bei Flut; alles was ich mache, tut Hamburg gut“) und ein Besuch bei den walfangenden Grönlandfahrern von 1643. Und während Filip sich an den vielen Abenteuern erfreut, trägt Lilli ihren guten Willen in die Vergangenheit: Sie hinterfragt den Reichtum der Pfeffersäcke …

Pfeffersack: Wer ist denn heutzutage nicht reich?
Lilli: Hallo?! Die Armen?
Pfeffersack: Ach, stimmt ja.

… und wünscht sich von den Walfängern den Erhalt der Natur:

Wer gibt euch das Recht, zu töten?
Was glaubt ihr, wer ihr seid?
Ihr plündert den Planeten dabei
gibt es doch nur einen.

Später treffen wir noch Gotthold Ephraim Lessing am Hamburger Nationaltheater (1767), erleben den Großen Brand von 1842 und den Wiederaufbau nach dem Bombardement im zweiten Weltkrieg. Die restlichen Stationen erzählt uns zu großen Teilen im Schnelldurchlauf die Zitronenjette.

All das hat Franz-Joseph Dieken gemeinsam mit seinem Choreographen Sven Niemeyer liebevoll und entdeckungsreich inszeniert. Dieses Musical macht Spaß, auch wenn es bisweilen – dem Genre entsprechend – recht überdreht und natürlich wahnsinnig pathetisch ist.

Erinnerungsfoto! Filip, Historicus und Lilli. (c)Bo Lahola

Die acht SpielerInnen sind alle mit großer Energie und Spielfreude dabei (neben Hannes Träbert dabei besonders hervorzuheben: Jacob Loerbroks und Marwin Funck). Es macht Spaß, zu beobachten, wie sie von Rolle zu Rolle springen, zwischendrin ein paar Choreographien auf die Bretter legen und das ganze Stück mit so viel Lebensfreude versehen, dass diese, den Nebelschwaden gleich, in den Saal überquillt. Einzig am Gesang möchten wir ein wenig herummäkeln: der gerät bisweilen einen Tick zu quietschig-grell.

Das passt allerdings wieder zur Ausstattung (Sabine Kohlstedt und Yvonne Marcour), die einem Faschingsfundus entsprungen zu sein scheint: Gehäkelte Wikingerhelme und Plastikschwerter, überdimensionierte Reifröcke, getürmte Perücken und Banner mit Bügelfalten. Staub der Geschichte ist hier nirgendwo zu finden – alles ist frisch, neu und bunt – womöglich geradewegs der Phantasie entsprungen?

Wir sehen nur, was wir sehen wollen. Wenn wir uns damit auseinandersetzen, sehen wir es dann vielleicht anders.

Aha! Eine gute Botschaft zum Schluss, ebenso wie die anderen Andeutungen und Fragen, die geschickt in die Handlung eingebunden werden. Der Wissensdurst ist befeuert, die Geschichte lebendig, der Applaus euphorisch. Ein herrlich lebendiger Kurzabriss der ehrwürdigen hamburgischen Historie – damit der Geschichtstest erfolgreich wird, sollten dann aber doch besser Bücher und Museen zu Rate gezogen werden.


» HISTORICUS – Eine turbulente Zeitreise durch Hamburgs Geschichte
nach dem gleichnamigen Kinder- und Jugendbuch von Irene Haarmeyer
mit Musik von Jan Haarmeyer und Frank Oberpichler

Regie: Franz-Joseph Dieken
Choreographie: Sven Niemeyer
Es spielen: Hannes Träbert, Johan Richter, Sabine Barthelmess, Jacob Loerbroks, Larissa Heimbach, Mats Kampen, Nadja Wünsche, Marwin Funck

Nächste Termine: 29.10., 5.11. und im Dezember fast täglich, Hamburger Kammerspiele