angeguckt: vom schicksal verfolgt – eine neue era am hamburger sprechwerk

„Es ist das Schicksal jeder Generation, in einer Welt unter Bedingungen leben zu müssen, die sie nicht geschaffen hat.“ … sagte einst John F. Kennedy. Wie man mit diesem Schicksal umgeht, ob man dran glaubt oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen.
Im Hamburger Sprechwerk tauchen wir in der hauseigenen Wortgefechte-Reihe ein ins Leben dreier junger Frauen, die sich in Lisa Shari Böttchers bezauberndem Stück Eine neue Era auf verschiedene Art und Weise ihrem Schicksalsleben stellen und es dann kaum glauben wollen, als dieses dann höchstselbst tatsächlich vor der Tür steht.

Eine neue Era © facebook.com/EINENEUEERA

Eine neue Era © G2 Baraniak

Es ist zu spät zum Klopfen und überhaupt, wer klopft denn heutzutage noch? – Cosma

Wie wir erfahren, gibt es aber nicht nur das eine große Schicksal, sondern, wie in jedem anderen Betrieb, zahlreiche Angestellte mit verschiedenen Aufgaben. Und der Herr im roten Overall (Tom Pidde), der hier das WG-übliche Kompensations-Weintrinken von Cosma (Lisa Shari Böttcher), Era (Ines Nieri) und Aurora (Isabelle Prchlik) mit heftigem Klopfen an die Stofftapetenwand stört, entpuppt sich als Mitarbeiter der Schicksals-Abteilung fürs Zwischenmenschliche.

Eine neue Era © facebook.com/EINENEUEERA

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Er, namentlich übrigens Fate, ist darum bemüht, seine Abteilung und also seinen Arbeitsplatz zu retten – wegen Glaubensmangel an Zwischenmenschliches droht Budgetkürzung und Stellenabbau. Warum also nicht mal nach denen schauen, die Fate bisher als seine Klientinnen betrachtete:

Den ganzen Tag bin ich unterwegs, da hab ich ein Recht auf Wein, ein ganz natürliches Recht

… konstatiert Nadelstreifenanzug-Karrierefrau Aurora mehrfach recht eindringlich. Schwer leidet sie an ihrem Generationsschicksal, alles muss sie alleine machen, keiner versteht ihren Schmerz und folgerichtig kommt auch keiner an sie ran. Es geht ihr eben einfach nicht gut, sie leidet, sehr!

Ja, der Balkon zählt als Das-Haus-Verlassen!

… findet Cosma, die ihre Tage im Pyjama daheim verbringt, sich über Onlinecasinospiele ihren Lebensunterhalt verdient und eigentlich ziemlich lässig unterwegs ist. Trotzdem ist die Welt zu kompliziert und zwischenmenschliche Beziehungen zu halten ist anstrengend und verwirrend.

Wollen wir uns ein Tetrapack Wein besorgen und uns auf die Straße setzen, irgendwo, wo Sterne sind?

… schlägt dagegen Era vor, die von den drei Frauen am lebenslustigsten wirkt, obwohl sie auch nicht so genau weiß, was das alles soll und ihr leuchtendes Licht liebend gern unter den berühmten Scheffel stellt: „Ich weiß eben auch, dass ich nicht so viele Dinge kann. Ich bin halt nicht besonders. Aber ich weiß das immerhin.“

So vergeht wohl Tag um Tag, die drei reden und streiten und philosophieren, aber kommen nicht vom Fleck. Das eintreffende Schicksal wird erst skeptisch-paranoid beäugt und schließlich vorübergehend in die WG aufgenommen, schließlich ist es da draußen nicht leicht – alle hassen das Schicksal heutzutage. Und wie das so ist, wenn sich Menschen mit ihren Schicksalen auseinandersetzen – man gewinnt sich lieb, schmiedet gemeinsame Pläne und blüht auf.

Ulrich Bähnk inszeniert diesen Text als bescheidenes, aber sehr liebevolles Kammerspiel, bei dem genug Raum für die witzigen, klugen und tiefsinnigen Wortklauber- und -spielereien der Autorin bleiben, begleitet von der richtigen Anzahl kleiner, feiner Regieideen.

Eine neue Era © facebook.com/EINENEUEERA

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Das ergibt eine meist kurzweilige Mischung aus naturalistischem Kammertheater, gerade noch richtig dosiertem Pathos und affektierter Übertreibung, und erscheint somit insgesamt sehr authentisch und herrlich absurd aus dem Leben gegriffen – irgendwas zwischen irrer Träumerei und dem üblichen Alltagswahnsinn.

Es scheint dann also auch nicht besonders abwegig, dass „das Schicksal auf dem Dachboden sitzt und Holz sortiert“, während die Mädels eine Schleuder bauen, um dasselbige wieder zurück in seine Firma (Für Immer Richtig Machen Alles) zu schießen, um den kleinen Menschen wieder zur Seite zu stehen.
Doch auch ein Schicksal überkommen Selbstzweifel und so hängt Fate wimmernd im WG-Sitzsack, während Cosma, Aurora und Era ihn in seinen Ursprungsplänen bestärken: Kämpf für deine Vision! Wir glauben an dich.

Und dann ist er weg, der Fate, wird „wegen einer plötzlichen Quelle Urvertrauens“ doch nicht entlassen. Ob die drei Damen bemerkt haben, dass genau sie es waren, die das uralte Schicksal wieder an seinen (Arbeits)platz befördert haben? Oder war Fate doch nur ein Irrer in rotem Overall? Man weiß es nicht.

Was von diesem Abend bleibt, ist ein zartes, beschwingtes Lächeln über den Zauber in der Welt und ein fluffliger Möchtegern-Glauben an eine irgendwo-Firma, die ein bisschen auf uns aufpasst und sich kümmert – so lange wir an sie glauben. Ein, zwei Lücken in Story und Figurenentwicklung können wir dabei aufrichtigst verzeihen – Eine neue Era lohnt als zauberschönes Kammerspiel für den Glauben an sich selbst und eine gutmeinende, höhere Wahrheit, das seiner Einordnung in die Wortgefechte-Reihe des Sprechwerks alle Ehre macht.


» Eine neue Era von Lisa Shari Böttcher
Regie Ulrich Bähnk
Es spielen Lisa Shari Böttcher, Ines Nieri, Isabelle Prchlik und Tom Pidde

Kommende Vorstellungen: 17.+18.2., 17.+18. 3., jeweils 20 Uhr, Sprechwerk Hamburg