angeguckt: vom leben bewegt

Mit Leaving hat die Hamburger Sticky Trace Company das Finale ihrer Trilogie über das Leben gezeigt. Eine energische Tanzaufführung, die den Tänzerinnen alles abverlangt, aber auch viel gibt. Sehenswert.

Ein Gastbeitrag von Philipp Löwe

In der Bewegung liegt die Kraft. Insofern erscheint es nur folgerichtig, dass Thema Verlassen(werden) in einem Tanzstück zu verarbeiten. So geschehen in Leaving von der Hamburger Sticky Trace Company.
Unter dem Namen hat die Choreographin Uta Engel zehn Tänzerinnen acht verschiedener Nationen versammelt, um mit ihnen gemeinsam das zum Ausdruck zu bringen was in der Pressemitteilung etwas ungelenk als das „In-der-Welt-sein“ beschrieben wird. Es geht also um das Leben und was es mit uns macht.

LEAVING (c) Tanja Hall

Im Fall des Hamburger Ensembles, das seit 2015 in gleichbleibender Besetzung tanzt, lähmt es die Menschen erst einmal und wirft sie dann fast aus der Bahn, bevor sie am Ende gestärkt der Zukunft entgegen gehen. Auf Zehenspitzen stehend beginnen die Frauen das Stück, ihre Körper durchgestreckt und nach Halt suchend. Eine Metapher für emotionale und physische Zustände?
Zaghafte, erste Regungen deuten sich an. Es kommt zu kurzen, flüchtigen Kontakten der Tänzerinnen auf der Bühne. Ein Streichen mit der Hand über die Wange, ein Blickwechsel, eine Umarmung, schon ist der Augenblick vorüber – vergänglich wie alles im Leben.

(c) Tanja Hall

Noch ist nichts zu ahnen von der Kraft, die sich hier schon bald entwickeln wird. Doch in den Moment des Suchens, der Verzweiflung und Ratlosigkeit mischt sich etwas anderes. Etwas Neues. Das innere Bewegtsein übersetzt Engel in zielgerichtete, fast stürmische Bewegung. Die Tänzerinnen rennen über die Bühne, bleiben kurz vor den Publikumsreihen stehen, machen kehrt, preschen zurück. Und Repeat. Sie springen, fallen, sacken zusammen, rollen umher. Unermüdlich. Immer wieder von vorne. Ja, das Leben ist eine Achterbahnfahrt.

(c) Tanja Hall

So ähnlich fühlt sich das Stück auch für den Betrachter an. Nicht immer wird wirklich klar, was einzelne Szenen ausdrücken sollen. Obwohl ja genau das eines von Engels Zielen war. Einen Raum zum Zuschauer wolle sie öffnen, schreibt die Hamburgerin über ihre Trilogie vom Hiersein, deren Abschluss Leaving bildet. „Emotionales Wissen, welches sich zwischen den Zeilen bewegt und man trotzdem teilt.“ Dass nicht jede Bewegung entziffert werden kann, tut der Wirkung des Stücks aber keinen Abbruch. Vielmehr liegt genau darin eine der Stärken von Leaving. Der Zuschauer beginnt nachzudenken, interpretiert und findet seine eigene Wahrheit.

(c) Tanja Hall

Wer die ersten beiden Stücke (Becoming und Participating) gesehen hat, erkennt, dass sich das Ensemble in den vergangenen drei Jahren weiterentwickelt hat, zusammengewachsen ist. Auch was die Musikauswahl betrifft, ist die im LICHTHOF Theater gezeigte Produktion eine Verbesserung. Vor allem die von Mona Reichling für den zweiten Teil des Stücks verwendeten Technobeats passen gut zur Dynamik der Tänzerinnen, die am Ende Schweiß tropfend und erschöpft, aber doch gestärkt und erhobenen Hauptes abgehen. Stolz und mutig der Zukunft entgegen. Alleine vielleicht, aber nicht einsam.

 

Philipp Löwe ist Redakteur bei SPIEGEL ONLINE, er schreibt vor allem über Architektur, Design und Mode. Die Arbeit der Sticky Trace Company verfolgt er seit 2015. „Leaving“ hat ihm bisher am besten gefallen.

 


»LEAVING – Trilogie vom Hiersein Teil 3

Künstlerische Leitung, Konzept und Choreografie: Uta Engel
Künstlerische Produktionsassistenz: Ane Iselin Brogeland
Probenleitung: Monique Smith McDowell
Tanz und Choreografie: Judith Hölscher, Ane Iselin Brogeland, Kristina Krieger, Selina Lettenbichler, Nayeli Lopez, Sarah Mohr, Sina Rundel, Monique Smith Mc-Dowell und Stacey Yuen

Die Vorstellungen am LICHTHOF Theater fanden vom 15.-18.März 2018 statt.

Weiterlesen: reihesiebenmitte hat auch über die ersten beiden Teile der Trilogie berichtet: »Becoming und »Participating