angeguckt: suchende peer gyntInnen am deutschen schauspielhaus

Die Bühne im Deutschen Schauspielhaus ist über die ersten Zuschauerreihen verlängert und klafft wie ein großes schwarzes Loch dem Publikum entgegen, einzig geziert durch eine Leuchtstoffröhren-Wohnhaus-Silhouette und arenenhaft beguckt durch die Besucher in den Logen. Hier begegnet uns die älteste der drei Peer Gyntinnen, die Oma also (auch wenn sie nicht so genannt werden will).

Häää, wie jetzt? Oma Peer Gynt? Ja, denn Simon Stone verdreifacht in seiner Inszenierung denselbigen und unterzieht ihn einer Geschlechtsumwandlung. Und das ist nicht die einzige Veränderung, denn das ganze Ding ist eine ausufernde Überschreibung, die Kritiker und Zuschauer zu spalten vermag. Diesem Potenzial wollten wir uns nicht entziehen und haben bei der Beguckung des Stone’schen Peer Gynt oder Die Unmöglichkeit Peer Gynt zu sein oder Wie Henrik Ibsen 1879 anfing, unglaublich tolle Frauenrollen zu schreiben oder Die Erlaubnis für Frauen, total auszurasten oder Wie Frausein ein Familienfluch sein kann (wir zitierten das Programmheft) einen sehr positiv-interessanten Abend verlebt.

Oma Gynt (Angela Winkler) kommt also nach 45 Jahren Rumgetingel zurück nach Hause an den Fjord, wo ihr Mann (Ernst Stötzner) tatsächlich noch auf sie wartet. Ihre zurückgelassene Tochter (Maria Schrader) ist inzwischen ein toughe Geschäftsfrau und weilt derzeit mit einnehmendem Liebhaber (Christoph Luser) in Dubai. Ebenfalls am Fjord zurückgeblieben sind dafür ihr Mann (Paul Herwig) nebst Tochter – Enkelin Gynt also (Gala Othero Winter), die ziemlich demnächst den Typen von der Tanke (Jonas Hien) heiraten will.

Ernst Stötzner, Angela Winkler © Matthias Horn

Wieder vereint, mehr oder weniger: Opa & Oma Gynt (Ernst Stötzner, Angela Winkler) © Matthias Horn

Mit am Start und verwandtschaftlich auch irgendwie involviert sind der Mann von der Reifenwerkstatt (Josef Ostendorf), der einmal sehr begeistert war von Oma Gynt, es inzwischen aber auch schnell von anderen Frauen ist, und sein etwas langsamer Sohn (Aljoscha Stadelmann), der auch gern eine Freundin hätte und von Papa liebevoll-abschätzig „Mäuschen“ genannt wird. Wie das Leben so spielt, stirbt Opa Gynt recht früh, was allerdings die Familie am Fjord wieder zusammenführt: Tochter Gynt kehrt zurück und begibt sich direkt hinein ins Familienschlamassel. Der Liebhaber aus Dubai reist hinterher, wird abgespeist, fängt was mit Enkelin Gynt an, also platzt die anstehende Hochzeit – blöd gelaufen. Nebenher erscheint Opa Gynt der Tochter und redet ihr ins Gewissen, während eine verschollene Halbschwester (Bettina Stucky), also ebenso Tochter von Oma Gynt, aus New York auftaucht und sie wieder für sich haben will … Undsoweiter … undsoweiter.

Viel, viel Stoff also für Ramtamtam und Tralala, entsprechend vielfältig sind die Themen und entsprechend muss der Zuschauer sich konzentrieren, um alles mitzukriegen. Szenen und Orte schieben sich geschickt ineinander, Zeitsprünge und einen Drogentrip gibt es auch noch und wenn dem um Verständnis bemühten Theatergänger da eine Information entgeht, ist die Verwirrung groß. Macht aber nix, denn schon rein atmosphärisch macht der Abend einiges her: Vom Leuchtstoffröhrenhaus am Fjord (Bühne: Bob Cousins) geht’s nach Dubai in eine Karaokebar, von dort zurück in die verspiegelten Innenräume der Gynt’schen Residenz.

Da platzt wohl grad die Hochzeit: Enkelin Gynt, der Typ von der Tanke, der Liebhaber aus Dubai, Tochter Gynt. (c)Matthias Horn

Da platzt dann wohl die Hochzeit: Enkelin Gynt, der Typ von der Tanke, der Liebhaber aus Dubai, Tochter Gynt.  ©  Matthias Horn

Später finden wir uns auf einem trostlosen Parkplatz wieder, neben dem vermutlich noch trostloser geheiratet wird. All diese Orte wirken so herrlich verloren, dass sie sich wunderbar in die düstere Melancholie des Abends einfügen, die auch stark durch die – mit Verlaub – supergeile Musik (Lars Wittershagen) getragen wird, teils von den Spielern besungen, teils atmosphärisch im Hintergrund dahinplänkelnd.

Über die düstere Atmosphäre geht dem Abend trotzdem sein Witz nicht verloren: Aljoscha Stadelmann hat einen Clownsworkshop besucht und präsentiert seiner vermeintlichen kurz-Freundin auf zuckersüßeste Weise seine Künste, Paul Herwig hääää-t sich als um Haltung und Gerechtigkeit bemühter Spießer-Papa durch den Abend, Jonas Hien hat bei der schnellen Nummer mit seiner Ex-Verlobten seine Hose verloren und bereut etwas hilflos die überstürzte Hochzeit mit dem Mädchen vom Kiosk und Josef Ostendorf singt mit sanfter Stimme und in schmuddeliger Imbissverkäufer-Kluft äußerst gefühlvoll „You’re always on my mind“ in der Karaokebar in Dubai.

Erich-Stötzner, Maria-Schrader © Matthias-Horn

Opa Gynt, kürzlich verstorben (Erich-Stötzner) mit „Geschäftsmann des Jahres“: Tochter Gynt (Maria-Schrader) © Matthias-Horn

Während sich die Männer alle mehr oder weniger durchs Leben trotteln, glänzen die Damen mit emanzipiertestem Verhalten und werfen mit den schönsten Sätzen um sich. Oma Gynt sinniert schon etwas gesetzter: „In dieser Kommune war ich das erste Mal ganz bei mir“; Tochter Gynt ist energetischer unterwegs und schmeißt ihrem Mann an den Kopf: „Dein Zweck wäre gewesen, zu überlegen, was aus dir wird“, während sie dem Liebhaber Geld anbietet, damit er sie in Ruhe lässt; Enkelin Gynt begnügt sich mit jugendlich-feurigem „Fuck off, Papa“ und äußert alles andere eher durch Taten.

Überhaupt ist Enkelin Gynt die mit spannendste Figur, was nicht zuletzt am wirklich großgroßgroßartigen Spiel von Gala Winter liegt. Die muss ihren Weg – wie auch immer der aussehen wird – nämlich erst noch gehen, heraus aus dem heimatlichen Haus und den vorgegebenen Strukturen. Und so beobachtet sie irgendwie das Geschehen, trägt es auch, indem sie in Szenenübergängen Lieder vom Erwachsenwerden singt und von der Liebe in dieser trostlosen Welt.

Heaven is a place on earth with you
Tell me all the things you want to do
I heard that you like the bad girls
Honey, is that true?
It’s better than I ever even knew
They say that the world was built for two
Only worth living if somebody is loving you
Lana Del Rey: Video Games

Die trostlose Welt, die „Welt, die den Bach runtergeht“ und wie man in dieser bestehen kann – das beschäftigt hier alle Charaktere und jeder findet sein eigenes – mehr oder weniger funktionales – Modell. Da ist die Liebe (und was man im Namen derer so treiben kann) natürlich Werkzeug Nummer Eins, denn wo sonst kann man sich besser verorten? Der Mensch will eben irgendwohin gehören. In einer Welt, in der die Beweislage gegen die Existenz Gottes spricht, wie Opa Gynt seiner Tochter darlegt, suchen die Menschen nicht mehr nach ihm, sondern nach sich selbst. Und das tun sie hier, ausufernd und vielfältig, im Stone’schen Peer Gynt.

Apropos, hat der Abend eigentlich was mit dem Original zu tun? Wir haben die Ibsen-Vorlage jetzt nicht besonders detailliert auf dem Schirm, aber eigentlich ist’s auch ganz egal, denn was hier rausgekommen ist, ist mehr als spannend. Wie traumhaft ist das denn, wenn ein vermeintlich verstaubtes Werk moderne Hirne nochmal so viel Neues produzieren lässt?! Und ganz raus ist er ja gar nicht, der Ibsen, der schwingt ja inspirativerweise immer mit, wird auch mal zitiert und hat vor der Pause sogar einen kleinen Gastauftritt auf der Gründgens-Loge. Alles sauber also.

"Ich glaub ich schau mir mal deine Reifen an." - Bettina Stucky und Aljoscha Stadelmann (c) Matthias Horn

„Ich glaub ich schau mir mal deine Reifen an.“ – Bettina Stucky und Aljoscha Stadelmann (c) Matthias Horn

Dass Frauen „total ausrasten dürfen“, wie es einer der Stücktitel fordert, empfinden wir jetzt nicht als besonders neu und überrascht auch im Stück nicht. Vielmehr zeigt für uns diese Produktion, dass es an allen Fronten Peer Gynts geben kann, ob nun männlich, weiblich oder sonstwas, und dass alle Menschen immer wieder auf der Suche nach dem Sinn oder einer Existenzgrundlage sind; dass sie dabei andere Menschen enttäuschen, stehen lassen, Vorwürfe bekommen und selbst verteilen: dass eben einfach keiner so richtig weiß, wie die Welt funktioniert. Total ausrasten heißt dann vielleicht auch einfach nur: (ver)suchen, verlieben, verwirren, verzweifeln, sich durchschlängeln, hinterfragen, haltlos sein oder einfach: Leben. Und die drei Peer Gyntinnen sind – sowohl inhaltlich als auch schauspielerisch – herrlich lebendig.

Man mag dem Abend vorwerfen, er sei klischeebehaftet, nähme Seifenopernzüge an … Aber, auch wenn wir das vielleicht nicht wahrhaben wollen, sind unser aller Leben nicht oft auch sehr nah dran an der Seifenoper? Aber hallo! All das zwischenmenschliche Getingel ist doch prinzipiell ein einziger Zirkus und nur deswegen schaut man doch geheimerweise auch ab und zu ganz gern mal rein in diese Geschichten.

Trust in yourself, it’s all that you can trust
Go home, find your own way
Go on, find your own way
Marianne Faithfull: No Child Of Mine

Vielleicht fühlt man sich von diesem Abend auch insgeheim ertappt, weil er die Handlung so schön ins Jetzt und Hier verlegt, auf fast schelmische Weise mit den Klischees spielt und einem so ganz schön auf die Pelle rückt. Vielleicht ist das aber auch alles ganz anders gedacht, von Herrn Ibsen, von Herrn Stone, und auch wir sind hier mit unseren Überlegungen noch lange nicht am Ende. Aber wenn sich ein Regie-und-so-Team wochenlang Gedanken macht, dann kann das der geneigte Zuschauer auch mal mehr als einen Abend lang tun. Es gibt manchmal so Stücke, bei denen sich (gleich einem schwarzen Loch) gewisse Untiefen auftun, die es zu erkunden gilt – dieser Peer Gynt ist es wert!


»Peer Gynt von Simon Stone nach Henrik Ibsen
Regie: Simon Stone
Es spielen: Paul Herwig, Jonas Hien, Christoph Luser, Josef Ostendorf, Maria Schrader, Aljoscha Stadelmann, Ernst Stötzner, Bettina Stucky, Angela Winkler, Gala Othero Winter und Statisterie

Nächste Vorstellungen: 13., 30.4., 21., 26.5., Deutsches SchauSpielHaus Hamburg