angeguckt: stOrmische träume am lichthof theater

An manchen Tagen möchte sich der geplagte Stadtmensch ja eigentlich in ein watteweiches Bettchen verkriechen, statt irgendwo Präsenz zu zeigen. Watteweiche Träume findet man manchmal aber auch anderswo, zum Beispiel im LICHTHOF Theater: Da gabs zuletzt einen Abend über Theodor Storm: Storm – Das Meer – Die Geister – Du.

Regisseur Frank Düwel hat gemeinsam mit Christian Demandt von der Husumer Theodor-Storm-Gesellschaft einen assoziativen Storm-Text-Collagen-Theaterabend entwickelt, der von Wolfgang Häntsch als Theodor Storm, einem rund zwanzigköpfigen Laienensemble und Henning Petersen an der Bratsche auf die Bühne gebracht wird.

Besetzungsmäßig klingt das nach einem wuchtigen Abend – ist es aber nicht; vielmehr sehen wir eine bescheidene, in sich gekehrte und zarte Komposition aus Worten, Bildern und Klängen.

Wolfgang Häntsch als Theodor Storm. (c)G2 Baraniak

Düwel und Demandt haben Storms Novellen und Gedichte verschiedenen Themenkomplexen zugeordnet (unter anderem „Die Liebe“, „Der Tod“, „Die Erinnerung“), durch die der Zuschauer wie auf sanften Wellen getragen wird. Von Wort zu Wort, Bild zu Bild und Mensch zu Mensch.

Fern hallt Musik; doch hier ist stille Nacht,
Mit Schlummerduft anhauchen mich die Pflanzen.
Ich habe immer, immer dein gedacht;
Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.

Auszug aus „Hyazinthen“ von Theodor Storm

Häntsch bewegt sich als Dichter sinnierend und spürend durch seine eigenen Gedankenwelten, bevölkert von weißen Geistern, Elfen oder Ideen – Figuren in seinem Kopf, denen er im Vorbeigehen Worte einhaucht, denen er fasziniert zuschaut und -hört, die einzelne Silben auffangen und einem Echo gleich in den Raum hauchen, die ihn durch seine eigenen Geschichten tragen. Meist sind diese Geister recht still und verhuscht, manchmal aber manifestieren sie sich zu greifbaren Menschen, etwa am Anfang, wenn vier junge Laiendarsteller vom Verlorengehen im Wald erzählen, kurz danach das ganze Ensemble zum Volkstanz aufzieht oder gegen Ende als Familiensippe unterm Tannenbaum den Knecht Ruprecht rezitiert.

Stark auch der Moment, in dem sich die Geister bei Tiefe Schatten zum Klangteppich vereinen, jeder mit seinem Ton und doch zusammen als großer, himmlisch-verlorener Klang, bevor sie den Zuschauer in die Pause und den Dichter in die Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen entlassen. Oder der Moment, in dem beim Schimmelreiter der Deich bricht und das laute Atmen des Ensembles die Wassermassen illustriert, die über das Dorf hineinbrechen, so lange, bis alles in den Fluten versunken ist.

Storm – Das Meer – Die Geister – Du (c)G2 Baraniak

Und so geht das über den Abend, von Bild zu Bild, von Klang zu Klang, die eigenen Gedanken beginnen, herumzuspüren wie die weißen Geister samt Dichter auf der Bühne, getragen von Bratschen-Klängen, Häntschs Märchenonkelstimme, Geistergeflüster und Videos von Blättern und Wind und Wellen (Video: Simon Janssen) und schwupps, ist er vorbei, der weiche Wattetraum. Und von der Nordsee geht’s zurück ins LICHTHOF.

Diese Produktion ist eine schöne kleine Hommage an den nun zweihundertjährigen Theodor Storm; eine mystische Traumwelt, eine sanft-bescheidene Streicheleinheit für die Seele. Storm – Das Meer – Die Geister – Du eben. Schön!


»Storm – Das Meer – Die Geister – Du
200 Jahre Theodor Storm

Regie: Frank Düwel
Dramaturgische Betreuung: Dr. Christian Demandt
Es spielen: Wolfgang Häntsch, Annette Andresen, Alfred Blohm, Klaus Bokelmann, Lilli Bolognino, Amit Klein, Christine Korfant, Mirko Kromer, Paul-Louis Leliévre, Sanah Masoud, Arikia Orban, Gabriela Pätzold, Angela Piront, Christian Pohl, Monika Reinboth, Karin Romahn, Sabine Schmidt-Kruse, Udo Schuett, Katja Schwarz, Kaja Marie Voller, Katrin Voller, Fenja Willim sowie Henning Petersen an der Bratsche

Die Hamburger Premiere fand am 6. Oktober 2017 im LICHTHOF Theater statt.