angeguckt: leben, yeah! die sticky trace company tanzt wieder

Die Tänzerinnen der Sticky Trace Company um die Choreografin Uta Engel beschäftigen sich seit 2009 mit „dem Finden von Formen für emotionale Wahrheiten“, also mit Ausdrucksmöglichkeiten für die Dinge, die jeder irgendwann irgendwo fühlt und die zu beschreiben oft so schwierig ist.
Was sie dabei finden, steckt in ihrer Trilogie vom Hiersein. Die ersten beiden Teile sind Participating, das bereits im März Premiere hatte, und Becoming, gerade frisch aus der Probenarbeit. Beide präsentierte die Company jetzt in einem mitreißenden Doppelabend am LICHTHOF Theater.

Noch im Foyer bekommen wir Zettel in die Hand gedrückt, auf denen wir notieren sollen welche Emotionen wir mit verschiedenen Lebensaltern verbinden. Machen wir – kurz danach sitzen wir auf unseren Plätzen, und vor uns steht, reglos, in schwarzer Kleidung und mit konzentriertem Blick geradeaus – any person, die Tänzerin Monique Smith-McDowell. Da steht sie sehr lange, bevor sie ins auch sehr lange Gehen-auf-der-Stelle wechselt. Nach und nach scharen sich ihre Mittänzerinnen – persons 1-6 – um sie. Allerdings erst,  nachdem zuvor eine jede nur mit Unterwäsche bekleidet vors Publikum trat und einen der Zettel verlas: Darauf mehrheitlich: neugierig in der Kindheit, unsicher in der Jugend und selbstbewusst im Jetzt. Ein schöner, sinnlicher Beginn für diesen sinnlichen Abend.

Parallel zur sich langsam ins chorisch-elektronische steigernden Klaviermusik kommen die Tänzerinnen immer mehr in Bewegung, erst kaum sichtbar, dann immer stärker. Jede hat zunächst ihren Platz, es dominieren synchrone, sehr ursprüngliche Bewegungen (atmen, pulsieren, wiegen) und Stück für Stück scheint sich jede der Tänzerinnen mit ihrer eigenen Existenz anzufreunden – oder auch nicht.

(c) Melanie Machnitzke

(c) Melanie Machnitzke

Jede hat ihren ganz eigenen Ausdruck, durchlebt die ganz eigene Gefühlswelt und das auf erstaunlich sichtbare, authentische Weise – trotz aller Synchronität. Freude, Hohn, Qual, Stärke, Euphorie, Irritation, Überdruss und Leidenschaft sind dabei nur einige Worte, die wir auf die Schnelle auf unserem Notizblock festhalten. Es ist faszinierend, was hier passiert und die eigenen Spiegelneuronen sind kräftig am Arbeiten. Ab und zu fällt eine der Tänzerinnen aus der Reihe – schreit auf oder versucht, für sich, einen neuen Platz zu finden, bevor sie an den alten zurückkehrt.

Jeder will irgendwo hingehören

… denken wir uns dabei und kurz bevor wir dem Abend eine klitzekleine Langatmigkeit vorwerfen wollen, oder ein was-soll-hier-denn-noch-passieren? gibt’s einen Ruf:

Let’s go

… und dann ist der Raum in warmes Licht getaucht und das Ensemble geht über in geschmeidige, fließende, freudige Bewegungen, die sagen:

Wir genießen das Leben

… und auch any person gliedert sich, nach einem wieder sehr beeindruckendem Wechselbad der Gefühle, in diesen fröhlichen Reigen ein. Achso, bisher war das wohl „bloß“ das Intro? Wir sind hin und weg und stellen fest, dass wir schon eine Dreiviertelstunde verlebt haben – wie konnte das denn bitte passieren?

Aus dem Genuss des Lebens wird wieder Irritation: Gehört man zusammen oder nicht? Wohin soll man gehen? Fragende Blicke, dann Rückzug ins Publikum. Nur eine Tänzerin – Ane Iselin Brogeland – bleibt in kaltes Licht getaucht zurück. Man schaut gebannt – oder irritiert – zu, wie sich scheinbar gar nichts tut. Erst spät bemerkt man, dass sie sich für einen Sprung bereit macht. Das tut sie mit zweifelndem, unsicheren, dann mit entschlossenem Blick:  wir nennen ihn mal den Sprung ins Leben.

Jetzt könnten wir ganz viele Details beschreiben, zitieren aber lieber noch einmal den Notizblock: Weglaufen – doch nicht. Sich anschleichen – doch nicht. Horchen, nachspüren, fließen, versinken. Und das auf vielerlei Arten. Die Tänzerinnen wechseln zwischen den Ebenen des Funktionierens und des Spürens und wer kennt den nicht, diesen Kampf, zwischen [Teilnehmen, Dazugehören] und [Werden, Entdecken, Spüren] – den Kampf zwischen Participating und Becoming.

Je mehr sie erdrückt werden vom Leben, je mehr sie resignieren wollen, desto stärker wird ihr Atem und desto unbändiger die Kraft, doch teilzunehmen an dieser Existenz, an diesem Tanz. Und die Lust, sich den Herausforderungen zu stellen. Wild geht das zu, alles will raus: die Wut, die Enttäuschung, auch die Liebe und es scheint, die tanzenden Körper rufen:

Leben, yeah, ich mach mit!

Dann, plötzlich: Stille. Erschöpfung. Der Kampf vorbei, fast: Erlösung. Die Tänzerinnen werfen schweratmend ihre person-Klamotten weg und entfernen sich: erlöst, befreit, erschöpft vom Schauplatz des Hierseins.

(c) Sticky Trace Company

(c) Sticky Trace Company

Die Sticky Trace Company hat mit diesem Abend etwas ganz Besonderes geschaffen: eine Liebeserklärung an das Leben, an den Menschen, den Körper, das Gefühl. Und ebenso wie die Gefühle sind die Momente hier flüchtig, ständig in Verwandlung und vielschichtig interpretierbar. Was bleibt ist: Alles und nichts und: Vorfreude auf den dritten Teil.

Nach dem Abend fragen wir uns noch, wie ehrlich das Publikum mit sich war, als es Selbstbewusstsein und Stärke für seinen jetzigen Erwachsensein-Zustand auf die Zettel schrieb. „Ich fühle mich jetzt oft unsicherer als in meiner Jugend“ meint meine Begleitung, und uns scheint, dass von diesem Zwiespalt ganz viel in diesem Abend steckte. Auf eine wundersame, ehrliche Weise, verkörpert von ganz unterschiedlichen, wunderbar starken Frauen. Yeah!


»Sticky Trace Company: Trilogie vom Hiersein – Participating & Becoming

Künstlerische Leitung, Konzept & Choreographie: Uta Engel
Choreographische Assistenz: Sara Veit
Performance & Choreographie: Ane Iselin Brogeland, Kristina Krieger, Monique Smith-McDowell, Nayeli Lopez, Sarah Mohr, Selina Lettenbichler, Sina Rundel, Stacey Yuen

Kommende Vorstellungen: 22., 23. 10. LICHTHOF Theater Hamburg, 29.10. Theater für Niedersachsen Hildesheim, 30.10. Theater im Pavillon Hannover

Weiterlesen: »reihesiebenmitte-Probenbericht zur Premiere von Participating