angeguckt: der kampf mit den buchstaben ist ein kampf mit der welt – das biest a am lichthof

Wenn man zum Lichthof-Theater möchte, kann man mit der S-Bahn nach Bahrenfeld fahren, dort dann in der Richtung die Bahnstation verlassen, in der es erstmal sehr einsam scheint, von da bis zu der Straße mit den vielen Eigenheimen mit Vorgärten und den langen Reihen parkender Autos laufen, dann die richtige Ecke abpassen, nach rechts, leuchtende Schilder von Gaststätten, in der Ferne ein Supermarkt und da gegenüber dieses kühl anmutende Gebäude, wo man im Erdgeschoss durch die Fenster ein paar Menschen beim Boxen sieht; durch die Glastür, Treppen rauf und in der richtigen Etage dann nach rechts abbiegen. Geschafft und man steht vor der Abendkasse.

Aber was, wenn man den Weg noch nicht kennt, eine Straße gesperrt ist oder sonst etwas anders ist als sonst? Klar, Leute fragen. Nur, auf dem Weg begegnet man, zumindest zur Lichthof-20:15Uhr-Primetime, nur sehr wenigen oder gar keinen Menschen. Gut, dann Smartphone oder Stadtplan raus und los geht’s. Aber dafür muss man Buchstaben in einen Sinnzusammenhang bringen – lesen und schreiben können also. 7,5 Millionen Menschen können das in Deutschland nicht. In Hamburg ist es jeder Siebte, der an Analphabetismus leidet. Dass damit ein völlig anderes Lebensgefühl einhergeht, ja, gänzlich andere Lebensstrategien, haben die meisten Menschen wohl eher nicht auf dem Schirm. Und genau damit beschäftigt sich Das Biest A, ein Rechercheprojekt in der Regie von Anne Schneider, inspiriert von Ruth Rendells‘ Urteil in Stein. Nachdem die Inszenierung bereits vergangenen Herbst in Berlin im Theater unterm Dach lief, war sie nun koproduzierenderweise auch in Hamburg zu sehen (Und ja, diese lange Einleitung lag uns am Herzen!).

Wicki Kalaitzi und Sabine Werner in Das Biest A (c) Daniela Incoronato

Wicki Kalaitzi und Sabine Werner in Das Biest A © Daniela Incoronato

Zwei Schauspielerinnen und ein Maler bewältigen diesen Abend – namentlich sind das Sabine Werner, Wicki Kalaitzi und Nikos Kalaitzis. Sie klettern und hangeln über ein geschwungenes Holzgitter (Ausstattung: Giulia Paolucci), schlüpfen durch dessen Lücken, drücken Knöpfe für die Musik, spritzen mit Wasser und Farbe, wechseln die Rollen.

Die Geschichte: Eunice (S. Werner), Mitte vierzig und bis eben noch die perfekte Pflegerin und Haushälterin ihrer Eltern, heuert bei den wohlhabenden Coverdales als die perfekte Haushälterin an. Sie hat eine kühle und zurückhaltende Art und verbringt ihre freie Zeit meist für sich, vor ihrem Fernseher. Dass sie kaum bis nicht lesen und schreiben kann, weiß sie lange Zeit gut zu verbergen. Durch einen Zufall freundet sie sich mit der Außenseiterin Joan (W. Kalaitzi) an und beide finden Halt aneinander. Und auch durch Zufall kommt es, wie es kommen muss – Eunices Geheimnis wird von der Stieftochter der Coverdales enthüllt – Joan zieht sie daraus ihre Konsequenzen und lässt die Geschichte zu einem Krimi werden.

Gefangen in dunklen Gefühlswolken. (c) Daniela Incoronato

Gefangen in Gefühlswolken. © Daniela Incoronato

Man denkt: Was ist das für eine Frau, warum kommt sie nicht klar, warum ist sie so kühl, so hart, so ablehnend? Man vergisst, dass sie ihr Leben lang, „anders“ war, dass sie nie richtig dazugehört hat zu unserer Welt, in der so viel über Worte und Schrift läuft. Und das sie alles dafür tut, diesen Zustand zu verbergen und so „normal“ wie möglich zu wirken.

In einem klugen Zwischenteil kommen die Recherche-Ergbnisse zu Tage: Da geht es zum Beispiel um Schüler, die ihre Hände in den Toaster stecken, um nicht Schreiben zu müssen; um Sparkassenangestellte, die patzig werden, weil sie den um Hilfe bittenden Kunden für betrunken halten; um Taktiken im Supermarkt, um Vanillezucker von Backpulver zu unterscheiden oder um die Orientierung im Stadtbild ohne Straßennamen, Fahrpläne und Hinweisschilder. Es geht um die vielen kleinen Dinge, die für uns selbstverständlich sind, die aber anderen das Leben wahnsinnig schwer machen.

Mein einziger Traum: Ein ganz normales Leben zu führen. Ganz normal zu sein.

Die Inszenierung ist, ähnlich wie Eunice, kühl und stelzig. Laute elektronische, mit Geigendramatik durchsetzte Musik durchbricht immer wieder brutal die Statik des Abends, eben so, als würden Eunices unterdrückte Ängste, ihr Schmerz und ihre Wut in Wallungen herausbrechen. Die beiden Schauspielerinnen hangeln sich durchs Bühnenbild, übernehmen dabei auch die kleinen Nebenrollen, halten teils Dialoge mit sich selbst, starren nach vorn, lachen einander aus oder halten einander fest. Nikos Kalaitzis malt nebenher seelenruhig seine Bilder, in blauer und schwarzer Farbe spuckt und spritzt er Gefühlswolken aufs Papier und hockt später auf dem Gitter über Eunice wie ein Schalk in ihrem Nacken.

Dass solch ein vermeintlich harmloses Thema, was sich zwar im sozialen Sektor wiederfindet aber weniger im allgemeinen Bewusstsein, so viel Energie entwickelt, das sollte zum Denken anregen. Deshalb gut, dass Anne Schneider und ihr Team dem eine so starke Plattform geben. Der Abend fesselt und verstört gleichermaßen und auf dem Weg zur S-Bahn wird auf die vielen vielen Buchstaben und Worte an jeder Straßenecke geachtet.


 

» Das Biest A
Ein Rechercheprojekt nach Ruth Rendells‘ Urteil in Stein
Regie: Anne Schneider. Mit: Sabine Werner, Wicki Kalaitzi, Nikos Kalaitzis
Eine Koproduktion mit dem Theater unterm Dach Berlin und dem LICHTHOF Theater Hamburg

Weiterlesen: » die Regisseurin im LICHTHOF-Interview und weitere Infos auf der Website der Künstlerin » anne-schneider.com