angeguckt: die rollläden bleiben unten – glaube liebe hoffnung am lichthof

Aufeinandergestapelte, teils von der Decke hängende Stühle, Tische und Regale und ein Blick über Hamburg-Bahrenfeld durch die großen vom Sichtschutz befreiten Fenster bieten sich dem interessierten Premierenbesucher von Glaube Liebe Hoffnung – ein kleiner Totentanz, den Helge Schmidt gemeinsam mit Choreograf Jonas Woltemate als seine zweite Regiearbeit am LICHTHOF Theater inszeniert hat. Eine surreale Bühnenlandschaft, die erstmal ins komplette Black versinkt, nachdem sich die drei Schauspieler in ihr positioniert haben. Ein spannender und vielversprechender Auftakt für die folgende Stunde; und wie das alles weitergeht, das lest ihr hier.

Die Rolläden bleiben unten und in der Dunkelheit hört man gefühlt einige Minuten lang nur Rascheln – das sind die drei Spieler des heutigen Abends, die sich in seltsam staksenden Bewegungen in ihren Kostümen regen. Im schummrig-warmen Licht sehen wir dann auch bald, was sie da tun: Über den Rücken streichen, die Arme anziehen, Winken, Wellenbewegungen. Das machen sie eine ganze Weile, bevor die ersten Worte fallen, und man fragt sich schon jetzt, in welcher seltsamen Welt man hier gelandet ist, ebenso wie sich das wohl die Elisabeth (Laura Uhlig) fragt, wenn sie in Ödön von Horváths 1932 erschienenen Stück versucht, sich durch Behörden und Regeln zu kämpfen und dabei nicht unterzugehen.

David Kosel, Günter Schaupp, Laura Uhlig (c) Maren Janning

David Kosel, Günter Schaupp, Laura Uhlig (c) Maren Janning

Besagte seltsame Welt bevölkern David Kosel und Günther Schaupp in wechselnden Rollen, aber immer in herrlich kleinkarierten Anzügen (Ausstattung: Julia Berndt), welche ganz hervorragend das ganze Gestakse und künstliche Gerede unterstreichen, das die Inszenierung und nicht zuletzt auch Horváths Text bieten. Wovon sprechen diese Personen eigentlich, wenn sie von Inspektoren, Rehpinschern und Schmetterlingssammlungen faseln, obwohl sie sich doch im anatomischen Institut befinden, in dem die in Geldnot geratene Elisabeth schonmal ihre zukünftige Leiche verkaufen will?

Alle reden aneinander vorbei, hören sich nicht zu, ja, sehen sich nicht einmal an. Und doch hört und schaut man ihnen gerne zu dabei. In den Redepausen verfallen sie in ihre seltsamen Bewegungen und wenn sie wieder sprechen, so liegt das Gestakse in ihren gekünstelten Worten.

Was die Figuren interessiert, ist einzig Bürokratie und Status, Emotionen haben sie eigentlich keine. Höchstens, ab und zu, ans Tourette-Syndrom erinnernde, kurze Ausbrüche, aber sonst tut sich nichts in dieser Welt, keiner lässt sich aus der Ruhe bringen, nur Elisabeth läuft hin und her und versucht leidlich, ein wenig ihrer Menschlichkeit zu bewahren.

Ich weiß, dass Sie mich für unfähig halten, weil ich ein Aquarium habe

Zuschauern, die die Stückvorlage nicht allzu umfassend kennen, und da zählen wir uns dazu, dürfte es schwer fallen, der Handlung zu folgen – zu nichtssagend oder schnell die Dialoge, zu uneindeutig die Rollen- und Ortswechsel. Was man sieht, ist, dass hier irgendetwas nicht hinhaut, dass Menschen und Instanzen Mauern bauen und andere nicht bestehen lassen – ohne dass es ihnen etwas ausmachen würde. Jeder geht seiner eigenen, kleinkarierten, teils unsinnigen Choreographie nach. Weil das eben so sein muss. Dass jeder Möglichkeiten hätte, dieses große Büro-oder-was-auch-immer-Konstrukt da auf der Bühne umzureißen oder auf ihm herumzuklettern, dass man womöglich sogar Rollläden und also Blick auf die Welt wieder öffnen könnte, darauf kommt keine der Figuren und das macht doch sehr traurig. Und Elisabeth noch hilfloser, als sie so ist.

(c) Maren Janning

(c) Maren Janning

Als dann ihre kleine Liebe scheitert, weil ihr enghorizontiger Verlobter ihre etwas komplexere Problemlage nicht versteht und enttäuscht abzieht („Ich finde keinen Menschen, dessen Liebe mir etwas gibt“), fragt sie sich einmal mehr, wo sie hingehört und was sie hier eigentlich soll:

Und niemand ist zuständig für dich und du hast so keinen Sinn …

Jeder hat Sinn, und wenn nicht für dich selbst, dann für jemand anders bekommt sie als Antwort und wie traurig-schön, dass kurze Zeit später David Kosel mit leerem Blick an der Rampe steht und von seinen drei Goldfischen (… Anton, Josef und Herbert) berichtet, während Elisabeth ins Wasser geht, um sich ein Ende zu machen. Aus dem wird sie leider leider gerettet und wieder in diese Kunst-Welt hinein geworfen, was ihr verständlicherweise irgendwie zu viel ist.

Sie erwacht schlussendlich dann doch aus ihrem lethargischem Gestakse, schüttelt das lange Haar, verzweifelt und schreit, während die beiden Herren mit leerem Blick ein hübsches Lied singen und pfeifen: „Ich lebe und weiß nicht wie lang / ich sterbe und weiß nicht wann / ich fahre und weiß nicht wohin / mich wundert dass ich so fröhlich bin“.

In dieser Welt wird nichts vorangehen, es geht nur immer so weiter, und deswegen ist, zumindest mit diesem Abend, für Spieler und Zuschauer – Schluss. Und die Rollläden bleiben unten.

Ein starker Abend mit starken Spielern, der tolle Bilder schafft (nicht zuletzt auch durch das feine Licht von Sönke C. Herm!) und dabei irgendwie so uneindeutig ist, dass man große Lust hat, weiter darüber nachzudenken und womöglich noch einmal hinzugehen. Es sei empfohlen – kommendes Wochenende noch dreimal im LICHTHOF.


Glaube Liebe Hoffnung – Ein kleiner Totentanz von Ödön von Horváth

Regie: Helge Schmidt | Choreographie: Jonas Woltemate
Es spielen: Laura Uhlig, Günter Schaupp und David Kosel
Kommende und vorerst letzte Vorstellungen: 22., 23., 24. Sept, 20:15 Uhr, LICHTHOF Theater Hamburg