angeguckt: der frieden ist gesichert! die minotaur peacekeeping company öffnet ihre türen im hamburger tiefbunker

Es war einmal, in einem scheinbar unüberwindbaren Labyrinth auf Kreta: der Minothaurus. Ein Mischwesen aus Mensch und Stier, furchterregend, menschenfressend, opferfordernd. Der wurde zwar besiegt, von Theseus und dem berühmten Faden der Ariadne, einen Nachkommen gibt es aber trotzdem, irgendwie zusammengebastelt aus alten Genen. Er ist der Inbegriff von Krieg, Gewalt und Zerstörung und lebt – haltet euch fest – mitten unter uns, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Im alten Tiefbunkerlabyrinth unter dem Hamburger Hauptbahnhof. Die reihesieben war beim allerersten Bunkerrundgang dabei.

Hier geht´s in die Unterwelt, zur Minotaur Peacekeeping Company.

Hier geht´s in die Unterwelt, zur Minotaur Peacekeeping Company.

Grund zur Sorge besteht nicht, denn vor Ort ist auch die Minotaur Peacekeeping Company (MPC), den Minothaurus sorgsam überwachend und darauf achtend, dass er seine dunklen Gefilde nicht verlassen möge. Das Böse ist gebannt, der Friede ist gesichert. Da in ungewissen Zeiten wie den unsrigen das Vertrauen der Bevölkerung aber mitunter bröckelt, bietet die MPC derzeit wenigen Auserwählten einen Rundgang durch ihre Räumlichkeiten an, um die Welt erneut von ihrem Sicherheitskonzept zu überzeugen. „Der Minothaurus ist eine Bedrohung, aber in unseren Händen ist er sicher“ erklärt uns Minos King XIII, der Vorsitzende der MPC, in einem Begrüßungsvideo.

Bevor wir überhaupt zu besagtem Film kommen, stehen wir, knapp zwanzig Auserwählte, als unsicher verstreutes Häufchen im Nieselregen vor dem unscheinbaren Eingang in die Hamburger Unterwelt. Sind wir hier wirklich richtig? Werden wir wirklich eingelassen werden? Und ja, wir werden – von der freundlichen und leicht verpeilten Pressesprecherin der MPC, Valentine du Fay, wie sie sich uns vorstellt. Sie unterrichtet uns über Verhaltensregeln, lässt uns Belehrungen unterschreiben und verteilt Gästeausweise, bevor sie uns in die schmalen alten Gänge des Bunkers hinabführt. Nach dem bereits erwähnten Video werden wir in Gruppen eingeteilt und mit straffem Zeitplan durch die einzelnen Abteilungen der MPC geschleust.

In der Krankenstation lernen wir, unseren Körper wertzuschätzen, entspannt ein- und auszuatmen und, in Gedanken, dem Minothaurus ruhig gegenüber zu treten, fast so, als sei er ein Teil von uns. Danach begegnen wir im Überwachungsraum Lisa Schu, die uns alle Fragen über den Minothaurus beantwortet und uns den einzigen Zugang zum eigentlichen Labyrinth zeigen kann. Hier erhaschen wir sogar einen Blick auf das Ungetüm selbst – ein rastloses Schattenwesen, das durch die Gänge schleicht, einzig beruhigt durch eigens bestellten Gesang aus der Lautsprecheranlage des Bunkers. Überhaupt scheint die Musik ein zentrales Element der MPC zu sein – durch die Windungen der Gänge schallen seltsame Klänge und Töne. Nachdem wir die Abteilung für Friedenssicherung besucht haben (Landkarten mit den Kriegsschauplätzen der Erde), versammeln wir uns in der sogenannten Jazz Lounge, in der gesungen und getanzt wird – ein scheinbar tägliches Ritual zur Kommunikation mit dem Minothaurus.

Und langsam wird es einem doch ein bisschen mulmig, denn zu schräg mutet all das hier an. Schon zuvor konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Mitarbeiter der MPC ein bisschen verschroben sind – starre Blicke, wirre Gesten, schroff-strenger Umgang mit den Gästen (außer Fräulein du Fay natürlich) und teilweise lethargisches Herumhängen in einsamen Ecken der endlosen Bunkergänge. Nun wird gesungen: Oper, mit Akkordeon- und Hornklängen, sehr wild, sehr wirr. Und so aufreibend, dass einzelne Mitarbeiter der MPC und auch eine Besucherin (oder gehört die doch dazu?) wütend die Lounge verlassen. Fräulein du Fay bringt das nur wenig aus der Fassung. Mit ihrem zauberhaften Lächeln teilt sie die Besucher in zwei Gruppen ein – A und O, „weil Sie für die MPC das A und O sind“, und dann geht’s für die O’s zum Ethikrat und fürs die A’s zum Merchandise-Stand.

(c)MPC

(c)MPC

Und dann? Was dann passiert, soll hier offen bleiben, schließlich kann sich in den nächsten Tagen jeder selbst vom Sicherheitskonzept überzeugen. Nur so viel sei gesagt: natürlich wird man dem Minothaurus begegnen, irgendwo in den Tiefen des Labyrinths, und natürlich ist der Frieden durch die MPC gesichert. Fragt sich nur, zu welchem Preis und – wieviel Minothaurus steckt eigentlich in der MPC selbst, oder vielmehr – in uns allen? Sind weitere Opfer nötig oder werden Theseus und Ariadne Krieg und Gewalt beikommen? Fragen über Fragen und ein kurzweiliger, spannender und auch verstörender Rundgang durch die Hamburger Unterwelt, durch die griechische Mythologie und auch: durch die Weltpolitik. Vielleicht ist das aber auch alles nur Theater, das weiß man nicht so genau.


» Die Minotaur Peacekeeping Company
Regie/Firmenleitung: Minos King XIII (vormals Sebastian R. Richter)

Mitarbeiter: Florence Nightingale (vormals Luise Kautz), Lisa Schu (vormals Friederike Blum), Marius Dreyer (vormals Sebastian Kreuzer), Arianna (vormals Vera Alkemade), August Alois Maria Merk (vormals Mirko Thiele), Theseus (vormals Jette Büshel), Verschollener (vormals Paul-Louis Lelièvre), Magaret Toucher (vormals Sonja Engelhardt), Kongo Joe (vormals Marius Zirngibl), John Rattlestick (vormals Alexander Duana Reger), Estrella Emperatriz de la C. (vormals Elise Schobeß), Valentine du Fay (vormals Maike Schuster), Arthur Meesterholz (vormals Desiree Sander), Lilly Raub (vormals Pia Zielke), Karla Arnolds (vormals Clara Lipski)

Weitere Termine: 22., 23. April, jeweils 18:30 und 20 Uhr, 24. April, 16 und 17:30 Uhr; Tiefbunker Steintorwall. Um Anmeldung per E-Mail wird gebeten: sektion.propera@gmail.com.