angeguckt: alles laminieren. SÖHNE am lichthof theater

Herrje, die Zeit verfliegt: schwupps ist Opa Fritz schon 130 Jahre alt und nur noch als Büste anwesend.
Diese präsentiert jetzt Enkel Christoph, 32, stolz im LICHTHOF-Theater und wird dabei skeptisch von Vater Ulf, 77, beäugt. Alle drei verbindet die Musik und spätestens jetzt auch das Theater.
Christoph Jöde, der Enkel, ist Schauspieler geworden und trommelt an diesem besonderen Theaterabend die Familie (also Papa und Büsten-Opa) und ein paar Freunde (seine Band) zusammen, um sich das Verhältnis von Vätern und Söhnen oder Eltern und Kindern zueinander anzugucken. Das Ergebnis dieser Studie heißt: SÖHNE – eine musikalische Merkwürdigkeit. Reihesiebenmitte hat geguckt.

Enkel-Sohn, Großvater, Vater-Sohn. (c) Christoph Jöde

Merkwürdig – im positiven Sinne – ist schon der Raum, in dem wir uns befinden (Ausstattung: Sofia Schneebeli): Irgendwas zwischen Himmel, Wattebausch und Unendlichkeit; weißer Tanzboden und, sich nach hinten verjüngend, ebenso weiße, aber halbtransparente Stoffbahnen, die von der Decke baumeln und sich manchmal im Luftzug ein bisschen drehen. Dazu zwei schwarze Stühle. Und zwei schwarz-weiße Männer, sich die Krawatten bindend: Vater und Sohn, Jöde senior und Jöde junior.

Der Vater verkündet seinen Stolz, den Sohn als Diplom-Schauspieler auf einer richtigen Bühne zu sehen, wo man doch nie so genau wusste, was aus diesem Kind mal werden sollte.
In der „ersten eigenen Szene“ ruft der Sohn den Vater an und unterbreitet ihm die Idee zum gemeinsamen Projekt, zu diesem nun fertigen Abend also: Er tastet sich vor zu den theatralen Gemeinsamkeiten (Ulf Jöde ist Musiklehrer und Chorleiter mit Hang zum Theaterspiel).
„Ja, gut“ sagt der Vater, er ist schließlich der Vater, der dem Sohn gut zuhört. Das bringt diesen wiederum in Schwung, er stolpert von Idee zu Idee, der Vater bejaht weiterhin, er ist schließlich der Vater, der seinen Sohn unterstützt, bis sich der Sohn um Kopf und Kragen redet und wir zunehmend sehen, wie der Vater trotz verbaler Zustimmung aussteigt und den Sohn trotzdem weiter reden lässt: von Welttourneen, Berühmtheit, von Merchandise und Hashtags; eigentlich von der Theaterrevolution schlechthin.

Nächste Szene: Erste Probe. Vater und Sohn stehen unschlüssig voreinander. Wie? Sich jetzt mit der Familie beschäftigen? Dann lieber Smalltalk über den letzten Zahnarztbesuch. Schließlich der Vater: „Ich hab schonmal mein Cello mitgebracht.“ Der Sohn zeigt sich irritiert, aber fügt sich schnell wieder in die familiären Muster. Er begleitet den Vater brav an der Klarinette und wirft sogar seine fürs Revolutionstheater gebuchten Bandkollegen kurzerhand aus der Probe.

Szenen wie diese kennt wohl jeder aus dem eigenen Eltern-Kind-Dasein: Man will etwas Neues machen, etwas Neues erleben, alte Muster aufbrechen und verfällt doch immer wieder hilflos in altbekannte Verhaltensweisen. So arbeiten sich Vater und Sohn Szene für Szene aneinander ab: Ulf Jöde mit einem spröden, unumstößlichen Charme, Christoph Jöde euphorisch aufbegehrend und doch immer wieder unsicher zurückgeworfen in die Rolle des zu Erziehenden. Sowas endet eben nie, auch nicht, wenn die Bandkollegen auftauchen und mit dem Sohn ein munteres Hans-Albers-Lied spielen: Der Vater spielt trotzdem weiter sanfte Melodien auf dem Cello (und das definitiv immer besser als der Sohn).

Das hat er schon ganz gut gemacht
– Vater über Sohn

Jöde junior und Jöde senior. (c) Christoph Jöde

Die Ton-Aufnahmen des Großvaters Fritz Jöde, der mit seinen deutschlandweiten Singstunden Berühmtheit erlangte und Menschen über Musik zusammenbrachte, bringen den Enkel-Sohn aufs noch verzweifeltere Thema: Egal, wie dieser Theaterabend wird – er ist definitiv endlich. Das besondere Vater-Sohn-Verhältnis im gemeinsamen Projekt wird ebenso vergehen wie einst die schönen Kindheitsmomente. Die Zeit schreitet eben selbst in Theater-Unendlichkeitsräumen voran. Deshalb müsste man alle schönen Momente für die Ewigkeit festhalten, findet der Sohn, so wie es einst der Großvater mit seinen Singstunden tat: Aufnehmen oder laminieren, auf jeden Fall archivieren. Und so konstruieren die Jödes, vor allem Jöde junior, akribisch perfekte Momente für die Ewigkeit: Die Auseinandersetzung auf Augenhöhe, das perfekt gesungene Lied, der spontan formulierte sehnlichste Wunsch. Vater und Sohn stelzen unbeholfen umeinander herum, stets bemüht, sich zu verstehen, sich zuzuhören, sich zu unterstützen; aber arbeiten doch immer wieder aneinander vorbei, ohne es zu wollen. Es bleibt eben alles flüchtig und nichts zu greifen: Sobald eine Erinnerung, ein Gefühl, eine Zwischenmenschlichkeit konstruiert werden soll, rinnt sie uns durch die Finger wie diese verflixte Zeit.

Was kann man tun? Grenzüberwindende Elemente müssen gefunden werden. So strahlt die Vater-Sohn-Beziehung plötzlich auf, als alle Inszenierungspläne über Bord geworfen werden und Jöde senior und junior wie kleine Kinder überschwänglich Räuber und Gendarm spielen (wobei: eher Räuber und Räuber). Und später lebt und glitzert dieser merkwürdig unendliche Theaterraum am allermeisten, als, der Idee des Großvater-Vaters folgend, strahlend-euphorisch eine Singstunde für das gesamte Publikum veranstaltet wird. Da ist es, das Revolutionstheater!

Rosemarie, Rosemarie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie.
Rosemarie, Rosemarie, aber du hörtest mich nie.

 

Freilich muss auch solch ein Moment enden, nämlich dann, wenn der so unumstößliche Vater von der (Über)Macht des berühmten Großvaters heimgesucht wird, der seine für die Ewigkeit festgehaltene Stimme per Tonband in die Unendlichkeit sendet. Sowas endet eben nie.

Gegen Ende stehen Vater und Sohn sichtlich ausgelaugt beieinander:

Du bleibst für immer.
Du gehst nicht weg.
Du bleibst einfach.
Versprochen?

Da ist sie wieder, die ewige Suche nach Halt, die kindlich-glorifizierte Erinnerung ans Aufgehobensein in der Familie (die manch einer später mitunter schmerzlich hinterfragen muss), der kleine, hilflose Mensch in unserer flüchtigen, unendlich weiten Welt.
Man müsste eben alles laminieren. Aber ist es dann noch echt?

SÖHNE. (c) Christoph Jöde

SÖHNE – eine musikalische Merkwürdigkeit ist ein sehr mutiger, zerbrechlicher und vor allem liebevoller Abend, gefüllt mit flüchtigen, berührenden Herz-Momenten. Diesen Abend zu beschreiben fällt schwer, weil er ebenso wenig zu greifen ist, wie das, was er behandelt. Er fließt und tänzelt dahin, ist dabei privat, ohne sich bloßzustellen und lässt einen recht verzaubert zurück.
Vielleicht verzaubert er so, wie diese eine Kindheitserinnerung an Weihnachten 1996, als überall Lichter waren, der Truthahn so schön duftete und der Weihnachtsbaum viel größer war, als er es jemals wieder sein kann. Vielleicht verzaubert er so, wie Eltern ihre Kinder ein Leben lang verzaubern, wenn sie sie unbeholfen und doch bemüht behüten. An wenigen Stellen belehrt er sogar, wie ein Vater seinen Sohn belehrt (nervt kurz, muss aber sein). Vielleicht beschreibt dieser Abend gerade in seiner Ungreifbarkeit sogar sehr konkret das flüchtig-bindende Verhältnis zwischen Vater und Sohn, zwischen Eltern und Kind.


»SÖHNE – eine musikalische Merkwürdigkeit
Konzept und Regie: Christoph Jöde
Von und mit: Kian Djalili, Christoph Jöde, Ulf Jöde, Thorben Korn, Jannik Nowak, Fion Pellacini

Kommende Vorstellungen: 14., 19., 20. und 21. Januar, jeweils 20:15, sonntags 19:00, LICHTHOF Theater